You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
Die Stellung Antonios im Rahmen der Handlung sei zwar nur untergeordnet, aber der Dichter rücke ihn, als Helden im eigentlichen Sinn, am Anfang und am Ausgang des Stückes in den Vordergrund. Mit unerreichter Meisterschaft sei schon in den ersten Zeilen der 1. Szene die leichte Depression geschildert, in der Antonio lebe, ohne ihre Ursache zu kennen (In sooth, I know not why I am so sad) oder zu nennen. Ross macht es wahrscheinlich,
daß sie aus der Abwehr einer homosexuellen Neigung zu Bassanio stamme, die zu beherrschen Antonio entschlossen, der alles zu opfern er bereit und um derentwillen sein Schicksal zu ertragen er gewillt sei. Dabei handle es sich nicht um eine unbewußte, vielmehr um eine bewußte, aber vor der Öffentlichkeit klug verhüllte Einstellung Antonios. Aus dem „Kaufmann von Venedig“, dessen Held dem Stück auch den Namen gegeben habe, könne man ebenso wie aus dem XX. Sonett ersehen, wie der Dichter zielgehemmte Homosexualität beurteilt habe. „Er hat erkannt — was manche von uns heute erkennen —, wie unglücklich diese Menschen sind, die einer Einstellung wegen gering geschätzt werden, der abzuhelfen sie außer Stande sind und die sie um das größte Glück des Lebens bringt; in diesem Stück nun schildert er einen Mann, der dieses Schicksal edel zu ertragen wußte.“
Man muß es bedauern, daß Ross seiner Auffassung den Charakter einer Notiz belassen hat und es verschmäht hat, sie mit einer umfassenderen Deutung des Stückes zu verbinden, namentlich, sich mit jener, mit seiner Hypothese, wie es scheint, konvergierenden Auffassung auseinanderzusetzen, die L. Jekels (Imago XII, 1926, S. 329 f.) entwickelt hat.
E. K. (Wien)