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Meine Damen und Herren!
Ich gedenke, diese beiden Phänomene hier einer vergleichenden Untersuchung zu unterziehen; denn aus dem Ergebnis dieser Entgegenstellung verspreche ich mir Gewinn an Verständnis des noch lange nicht geklärten Liebes-vorganges.
Manche von Ihnen, denen meine früheren einschlägigen Arbeiten nicht unbekannt sind, werden wohl den Nachteil haben, bereits Gesagtes, ja sogar Gedrucktes2 wieder anhören zu müssen; ich hoffe, daß Sie es dem Vortragenden nicht allzusehr verargen werden.
Daß ich gerade diesen Weg der Untersuchung des Liebesphänomens gewählt habe, wurde durch den auffallenden und von mir häufig beobachteten Umstand veranlaßt, daß diese beiden Affekte — Mitleid und Liebe — einander in gewisser Beziehung fast ausschließen. Und zwar insoferne, als bei der echten, tunlichst unambivalenten Liebe kein Platz zu sein scheint für Mitleid mit dem geliebten Objekte. Ein häufig genug zu beobachtendes Beispiel: Eine Mutter, die ihr Kind schwer und schmerzlich leidend weiß, sehen wir von Kummer und Sorge zu Boden gedrückt, Tränen der Verzweiflung vergießen; wenn überhaupt, so äußerst selten vernehmen wir jedoch Ausdrücke des Mitleids mit dem Kinde. Darüber hinaus aber hören wir oft genug, sie empfinde das Leiden des Kindes geradezu als ihr eigenes; und sie meint es gewiß ganz ernst und verdient unseren vollen Glauben, wenn