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Der Autor dieser zum Gedächtnis des 300jährigen Todestages des großen spanischen Dichters erschienenen Arbeit benützt psychoanalytische Erkenntnisse, um zu zeigen, daß Lope de Vegas Liebesleben unter einem neurotischen Zwang stehe; er gehöre zu dem von Freud beschriebenen „Typus des geschädigten Dritten“ und müsse sich daher immer in bereits gebundene Frauen (Mutterersatzpersonen) verlieben. Die Reihenbildung in seinen ehebrecherischen Beziehungen sei bei de Vega besonders deutlich, sowohl in seinem Leben als in seinen künstlerischen Schöpfungen.
Pfandl verwendet nun diese psychologische Durchleuchtung des Liebeslebens zur Verteidigung der moralischen Persönlichkeit des Dichters. Er meint, daß „Lope de Vega für die größte moralische Schuld seines Lebens nur zu einem ganz geringen Teil verantwortlich“ sei, da er „nicht Ehebrecher aus Leichtsinn und Gewissenlosigkeit, sondern aus psychoneurotischem Zwang“ gewesen sei. Und weiter sagt der Autor: „Man soll also den großen Dichter und liebenswerten Menschen nicht weiter für etwas büßen lassen, was nicht seine Schuld war.“ Diese persönliche Auffassung Pfandls folgt selbstverständlich nicht automatisch aus der von ihm gegebenen Deutung des Liebeslebens de Vegas. Die psychoanalytische Wissenschaft sucht genetische Erklärungen für seelische Geschehen. Die Bewertung dieses Geschehens gehört nicht zu ihrer wissenschaftlichen Aufgabe.
J. Lampl-de Groot (Wien)