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Ein bisher noch wenig benütztes Material für das Verständnis des Seelenlebens der Frau bieten Märchen.
Märchen wie „Dornröschen“, „Schneewittchen“, „Die Prinzessin auf der Erbse“ sind für eine psychoanalytische Deutung sehr ergiebig.1 Auch das durch Grimm allgemein bekannte Märchen vom Marienkind gehört hierher. Es fand schon mehrmals die Aufmerksamkeit psychoanalytischer Autoren.2 Doch scheint uns, daß neben den schon gegebenen Deutungen noch mancher Aufschluß über das Seelenleben der Frau in ihm verborgen ist.
Das Märchen erzählt:
Die Jungfrau Maria nahm ein Kind von armen Leuten zu sich und erzog es im Himmel. Als das Mädchen vierzehn Jahre alt war, ging Maria einmal auf Reisen und übergab dem Mädchen die Schlüssel zu den dreizehn Türen des Himmelreiches; zwölf von diesen dürfe sie aufschließen, die dreizehnte zu öffnen wurde ihr verboten. Sie besah zwölf Wohnungen des Himmelreiches, in denen in jeder ein Apostel saß, dann übertrat sie das Verbot und öffnete auch das dreizehnte Zimmer. Da sah sie die Dreieinigkeit im Feuer und Glanz sitzen. Von dem Glanz, an den sie rührte, wurde ihr Finger ganz golden. Das Herz klopfte in einem fort. Das Mädchen empfand eine gewaltige Angst. Auch das Gold war nicht mehr von dem Finger zu entfernen. Maria kam zurück und entdeckte an dem Benehmen des Mädchens sein Verbrechen. Das Kind leugnete jedoch und wurde aus dem Himmel verbannt. Es versank in einen Schlaf und erwachte in einer Wildnis. Es wollte rufen, konnte aber keinen Laut hervorbringen. Jahrelang wohnte es in dem Walde, nährte sich nur von Beeren und Wurzeln. Ein König fand das Mädchen und heiratete es. Nachdem ihm ein Sohn geboren war, erschien Maria und sprach: „Willst du die Wahrheit sagen und gestehen, daß du die verbotene Tür aufgeschlossen hast, so will ich deinen Mund öffnen und dir die Sprache wiedergeben; verharrst du aber in der Sünde und leugnest hartnäckig, so nehme ich dein neugeborenes Kind mit.“ Die Königin leugnete wieder und Maria verschwand mit dem Kinde.