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Die Psychoanalyse hat uns gelehrt, daß die Beziehungen der Menschen zu einander auch irrationalen affektiven Beweggründen unterworfen sind. Sympathie und Antipathie, Zuneigung und Abneigung, Liebe und Haß, Bejahung und Ablehnung eines Menschen durch den Nebenmenschen ergeben sich nicht aus „objektiven“ Tatbeständen; ebensowenig sind sie Ergebnisse einer simplen Deduktion: weil X sympathisch oder nützlich ist, wird er von der Umgebung geliebt und bejaht. Das schlechthin Unverständliche ist scheinbar am Werke; immer wieder hört man den erstaunten Ausruf: Ich verstehe nicht, wie X dem Y sympathisch sein kann. Es fehlt übrigens ein allgemein gültiger Maßstab: „Bösewichte“ werden geliebt, „Liebenswerte“ zur Seite geschoben. Gerechtigkeit im Affekt ist offenbar wenig erreichbar, der blinde Zufall scheint Regent.
Die Analyse hat in diesen Wirrwarr ein wenig Ordnung gebracht. Sie zeigte vor allem, daß Neurotiker die Fähigkeit besitzen, zu „übertragen“, d. h. verjährte infantile und verdrängte Konflikte auch nach Jahrzehnten an völlig fremden Personen zu wiederholen, wobei sie diese Unschuldigen unbewußt mit den infantilen Imagines identifizieren. Daraus ergeben sich dann in der Außenwelt die possierlichsten Mißverständnisse, da sich die unschuldigen Opfer dieser Übertragung — in Unkenntnis des inneren Tatbestandes — bei Aggressionen, deren Ziel sie in unbewußter Stellvertretung sind, persönlich gekränkt fühlen, während die Akteure dieser Wiederholungs-Tragikomödie selbst keine Ahnung haben, von welchen Kräften sie geleitet werden. Im Falle der Übertragungsliebe pflegen sich die Objekte in der Außenwelt allerdings weniger aufzuregen.1 Somit ist bei einer irrationalen Beziehung zweier Menschen vorerst zu exkludieren: liegt nicht ein die Realität verfälschendes Übertragungsverhältnis eines — oder zweier — Neurotiker vor.
Doch auch in der „normalen Liebe“ wird keineswegs die Realität voll zur Kenntnis genommen. Im Gegenteil: der Liebe wohnen — wie Jekeis und ich gezeigt haben2 —