You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
Man kann das Wiegenlied durch alle Zeiten und Völker verfolgen. Es ist alt wie die Menschheit.
Jedes Kind ist eingeschläfert und beruhigt worden mit den Liedern, die die Mutter an der Wiege singt.
Wenn, nach Weckerlin, der erste Gesang der Menschheit ein Liebeslied war, entstanden, als Adam zu Eva sagte: „Ich liebe dich!“, so war der zweite ein Wiegenlied, das Eva ihrem Erstgeborenen sang. Nicht nur der Theoretiker stellt eine solche Hypothese auf, auch der Dichter von Eve's Cradlesong muß einen Glauben dieser Art haben, wenn er Eva das „Sleep, sleep, little Cain“, singen läßt.
Combarieu spricht sein Erstaunen darüber aus, daß niemand noch auf den Gedanken gekommen ist, den Ursprung des Rhythmus in der Bewegung der mütterlichen Arme zu suchen, die das Kind einschläfern soll.
Bei fast allen Autoren, die über das Wiegenlied schreiben, fühlt man, wie sie von der Gestalt der liebenden Mutter, die ihr Kind in Schlaf singt, angezogen wurden und sich mehr oder weniger mit dem schlafenden Kinde identifizierten. Ein Gedicht Rückerts beweist die Nachwirkung des Wiegenliedes im Leben der Erwachsenen:
„Ich war ein böses Kind und schlief nie ungesungen,Doch schlief ich ein geschwind, sobald ein Lied erklungen,Das meine Mutter sang gelind.Und also bin ich noch, ein Schlaflied muß mir klingen;Nur dieses lernt' ich doch, es selber mir zu singen,