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In jedem Menschen sind die Keime der Bisexualität verborgen. Im Laufe der normalen Entwicklung muß die homosexuelle Triebkomponente versanden und die heterosexuelle zum Vorherrschen kommen, gleichwie die anatomischen Zeichen der Bisexualität in dem Entwicklungsgänge zurücktreten: so etwa bleiben die Brustwarzen der Knaben im „embryonalen“ Zustand.
Stirbt aber die homosexuelle Regung nicht ab, sondern entwickelt sie sich fort, so führt dies entweder zu offener Homosexualität, wenn der Betroffene seine Neigung empfindet, oder zu verborgener Homosexualität, wenn der Betroffene seine Neigung, die sich unter dem Druck der Moral-Zensur im LJnbewußten verbirgt, nicht empfindet.
Aber das Denken, das Streben, die Taten eines solchen Menschen — sie alle werden die innere Spaltung und das Ringen wiederspiegeln.
In manchen Fällen tritt diese Komponente der Bisexualität erst beim Altem hervor, als ob ein geheimes Feuer die Asche durchglühte.
Es scheint, daß keine andere Perversion so reichlich verschiedene Masken und Verzerrungen benutzt wie die homosexuelle Neigung.
Das aufmerksame Lesen der Kreutzersonate von Tolstoi läßt uns keinen Zweifel übrig, daß der Eifersüchtige und Mörder Posdnischew ein latenter Homosexueller ist; sein Autor — Tolstoi — hat dies nicht erkannt.
Von der Kindheit des Posdnischew ist nichts mitgeteilt. Fünfzehn Jahre alt verliert er gleichzeitig mit seinem älteren Bruder, der Student ist, seine Unschuld in einem Bordell.
Wir können vermuten, daß dieser ältere Bruder schon in den vorange-gangenen Jahren einen entscheidenden Einfluß auf die geistige Entwicklung des um vier bis fünf Jahre jüngeren Bruders gehabt hat.
Die Psychoanalyse hat gezeigt, daß der Besuch bei einer Dirne den unbewußten Wunsch verbergen kann, mit ihrer Hilfe in einen symbolischen Kontakt mit anderen sie besuchenden Männern zu treten. Mit noch größerer Klarheit blickt dieser unbewußte Wunsch in den gemeinsamen Besuchen der Bordelle durch; ein gemeinsamer Besuch der puellae publicae ist eine der