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Bekanntlich haben die Ansichten Freuds und seiner Schule in den letzten paar Jahren eine fortlaufende Entwicklung erfahren, hinsichtlich des Angstproblems ebenso wie auf anderen Gebieten. Der Zweck dieser Mitteilung ist, soweit ein einzelner Anhänger dieser Schule allein dazu berechtigt ist, die gegenwärtige Stellung zu jenem Gegenstande aufzuzeigen und zu versuchen, die Beziehungen zwischen Angstneurose und Angsthysterie genauer zu bestimmen.
Unser Fortschritt in der Kenntnis der Pathologie der Angstzustände läßt sich in drei Stufen darstellen, die kurz folgendermaßen beschrieben werden können, 1895 trennte Freud von der Neurasthenie ein klinisches Bild, das er „Angstneurose“ benannte und das charakteristische, heute wohlbekannte, Symptome physischer und psychischer Natur aufweist, Als Ursachen fand er nicht psychische, sondern physische Faktoren, bestehend in unvollständiger Befriedigung des physischen Bedürfnisses unter Umstanden, unter denen dieses erregt wurde; solche typisch verursachende Situationen sind wiederholter Coitus interruptus und gewisse Formen sexueller Abstinenz. Es handelt sich also um eine Kombination von unverhältnismäßiger physischer Erregung und ungenügender ableitender Entladung.
1908 prägte Freud den Begriff „Angsthysterie“, um damit gewisse Phobien zu bezeichnen, deren psychologische Struktur der der gewöhnlichen hysterischen Symptome ähnelte. Die Ursachen sind hier wie bei Hysterie im allgemeinen gewisse Abweichungen in der Entwicklung des infantilen Sexualtriebes mit der nachfolgenden Begleiterscheinung verdrängter intrapsychischer Konflikte.
Der dritte Schritt, den Freud und die meisten Psychoanalytiker unabhängig machten, am entschiedensten St ekel in der 2. Auflage seiner „Angstzustände“ , war die Entdeckung, daß dieselben psychischen Faktoren, die die Hauptrolle in der Angsthysterie spielen, auch in augenscheinlich reinen Fällen von Angstneurose wirksam sind.