You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
Zu den beliebtesten der bei zahlreichen Völkern und zu verschiedenen Zeiten immer wiederkehrenden Erzählungen gehört unstreitig die eines gewissen grausigen Humors nicht entbehrende Geschichte von der Witwe, die, ohne Speise und Trank zu sich zu nehmen, am Sarge des geliebten Gatten trauert, schließlich aber dem Leben wiedergegeben und sogar dazu gebracht wird, den Leichnam ihres Gatten an Stelle des vom Galgen gestohlenen Verbrechers aufzuhängen, um dem neuen Geliebten das verfallene Leben zu retten. Wird auch die Beliebtheit und ungeheuere Verbreitung dieser Anekdote, die Eduard Giiesebach auf ihrer Wanderung durch die Weltliteratur genau verfolgt hat1), durch ihre aufdringlich unterstrichene Tendenz, die Unbeständigkeit der Weibertreue zu demonstrieren, scheinbar ausreichend erklärt, so muß doch in den Augen des einigermaßen kritischen Beurteilers der tiefwirkende und anhaltende Erfolg in auffälligem Widerspruch zu dem platten Inhalt und der seichten, allzu billigen Tendenz der Geschichte stehen. Tritt man dem Sachverhalt von der psychologischen Seite näher, so wird man etwa sagen können, es hafte dem Stoff irgend ein mächtiger Affekt an, der durch den offenkundigen Inhalt nicht ausreichend motiviert scheint. Dieser Eindruck wird zur Gewißheit, wenn man aus ähnlichen Untersuchungen wiederholt erfahren hat, daß sich das Verständnis für die Gestaltung, Fortpflanzung und Wirkung eines mehrfach überlieferten und oft bearbeiteten Stoffes nur aus der psychoanalytischen Berücksichtigung der ihm zu Grunde liegenden unbewußten Triebkräfte ergibt, die der manifeste Inhalt nicht mehr erkennen läßt, da ihre Abkömmlinge so gut es geht von dem logischen Bewußtsein rationalisiert wurden.2)