You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
Jeder Kinderarzt wird die Erfahrung machen können, daß seine kleinen Patienten etwa vom dritten Jahre an sich der notwendigen Entblößung gegenüber sehr verschieden verhalten. Bei den Kindern der Armen, die ich täglich in großer Zahl auf meiner Krankenabteilung sehe, ist von Schamhaftigkeit nur selten etwas zu merken. Die engen überfüllten Wohnungen des Proletariats sind wenig geeignet zur Aufrichtung kultureller, psychischer Schranken; dazu dürfte verstärkend das besondere Gewicht der ärztlichen Autorität solchen Kindern gegenüber kommen. Desto häufiger sehe ich Äußerungen der Schamhaftigkeit bei Kindern der wohlhabenden Bevölkerung, und es scheint mir nicht uninteressant, daß sich dabei verschiedene Typen auseinanderhalten lassen.
Manche Kinder, sonst durchaus nicht ängstlich, sträuben sich gegen die Entkleidung vor der ersten Untersuchung; einige verständige Worte besiegen indes leicht diese Schamhaftigkeit, die den Eindruck des Gekünstelten, von den Erziehern oberflächlich Beigebrachten macht. Andere wieder machen zur Bedingung ihrer Entblößung die Entfernung einer oder mehrerer ihnen nahestehender Personen (Großmutter, Tante, Cousine, Vater usw.). Diese Spielart der Schamhaftigkeit, auf die ich bereits einmal hingedeutet habe1), ist bereits komplizierterer Natur und setzt wohl in der Regel bestimmte seelische Beziehungen des Kindes zu diesen gewissen Personen voraus. Ein Spezialfall dieser Gruppe ist vielleicht die ältere Schwester, ein fünfjähriges Mädchen, die sich nur dann untersuchen läßt, wenn der zweijährige Bruder aus dem Zimmer entfernt wird; vergebens hält ihr die Mutter vor, sie wolle doch immer dabei sein, wenn der Kleine gebadet wird. Hier spielt vielleicht der von Freud in seiner Bedeutung erkannte Penisneid eine Rolle.
Etwas ausführlicher möchte ich heute von einer dritten oder vierten Type sprechen, deren besonderes Verhalten mir schon seit langem aufgefallen war. Diese Kinder machen bei der Entkleidung und Entblößung zunächst keine Schwierigkeiten.