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Im Frühjahr 1913 hatte ich Gelegenheit, den nachfolgenden Fall durch wenige Wochen einer psychoanalytischen Kur zu unterziehen.
23 jährige Näherin von geringer Intelligenz leidet seit ihrem achten Lebensjahr an ticartigen klonischen Zuckungen und Tremor, vornehmlich in den Augenlidern, Stirn, Mund, Nase, Armen und Händen, besonders wenn sie sich ärgert und aufregt. So beispielsweise, wenn sie der älteste Bruder „sekkiert“, am meisten jedoch, wenn sie sich an die Mutter erinnert, weil sie bei dieser immer daran denkt, ob ihr nichts passieren wird. Ganz ebenso ergeht es ihr übrigens bei jeder beliebigen Person, sobald ihr einfällt, jener könnte schlecht werden oder etwas geschehen. Solche Gedanken quälten sie, seitdem ihr Vater mit 49 Jahren plötzlich vom Schlage gerührt wurde und gleich darauf starb. Die Sorge für die Mutter erkläre sich wieder daraus, daß diese schwer herzleidend sei und öfter Anfälle von Atemnot habe. Ihr Leiden hatte die Mutter zwar schon vor dem Tod des Vaters, doch wurde es durch diesen arg verschlimmert. „Immer habe ich Angst,“ erzählt die Patientin, „wenn ich aus dem Geschäft nach Hause komme, daß sie einen Anfall kriegt oder überhaupt nicht mehr am Leben ist, das muß man stets befürchten. Als ich gestern im Geschäft von einem großen Automobilungltick hörte, habe ich sofort in den Augenlidern und Händen gezuckt, ebenso heute, als ich von dem Unfall einer Kollegin vernahm. Am allernervösesten aber werde ich, wenn ich höre, daß draußen die Feuerwehr oder gar die Rettungsgesellschaft fährt. Da bilde ich mir ein, es brennt bei uns zu Hause oder die Rettungsgesellschaft führt die Mutter weg ins Spital, wie vor drei Jahren, kurz bevor der Vater starb. Da kam ich eines Abends nach Hause und fünf Minuten vorher war die Mutter wegen eines eingeklemmten Bruches weggeführt worden. Auch meine Furcht vor dem Feuer ist nicht unbegründet, weil mein jüngster, jetzt sechsjähriger Bruder, der Liebling der Mutter, immer so unvorsichtig mit der Lampe umgeht.“
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