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Einer meiner Bekannten berichtete mir folgende Fehlhandlung, die ihm einigen Eindruck gemacht hatte: Eine Dame, an der er mit innigster Neigung hing, war für einige Zeit verreist. Ein Briefwechsel war verabredet worden, und zwar mit solcher Genauigkeit, daß er den Tag, an dem er einen Brief zu erwarten hatte, genau kannte. Trotzdem blieb der Brief an einem solchen Posttag aus und auch am nächsten, was ihn bereits lebhaft beunruhigte. An diesem zweiten Tag hatte er selbst vereinbarungsgemäß zu schreiben und tat dies auch genau so wie immer im Laufe des Nachmittags. Am Abend, bereits im Bette liegend, fiel ihm ein, daß er vergessen haben könnte, den Brief aufzugeben. Er sprang auf und sah in seiner Brieftasche nach, wo er den Brief auch wirklich fand. Dies war ihm um so auffälliger, als er diese Briefe sonst regelmäßig bei demselben Briefkasten, an dem er jeden Tag zur selben Stunde vorbeikam, aufzugeben pflegte und auch nie vergessen hatte.
Neben der zu Tage liegenden Revanche-Absicht scheint mir das Vergessen noch dem Zweck der Selbstberuhigung zu dienen. Es ist, als ob er sich selber habe demonstrieren wollen, daß neben den beiden beunruhigenden Eventualitäten, daß der Geliebten etwas zugestoßen sei oder daß sie nicht mehr an ihn denke, noch eine dritte existiere: Wie leicht kann ein Brief übersehen werden oder liegen bleiben!