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Das etwa zweijährige Kind eines galizischen jüdischen Flüchtlingspaares, ein Knabe, zeigt alle Züge des neuropathischen einzigen Kindes: es ist ängstlich, schläft sehr unruhig, ist geistig seinem Alter weit voraus und tyrannisiert die Eltern. Habituelle Anorexie und Obstipation vervollständigen das Bild. Die Eltern, Intellektuelle — beide haben akademische Studien absolviert —, verwöhnen den Knaben über die Maßen, besonders der Vater. Dieser, ein 39jähriger Mann, bringt meinen erzieherischen Winken volles Verständnis entgegen, erklärt jedoch, sie jetzt, als Flüchtling, nicht befolgen zu können. Namentlich müsse das Kind mit ihm das Bett teilen, da man sonst keinen Platz habe. Das trifft jedoch nicht zu, da die drei Personen ein geräumiges Zimmer bewohnen. Dieser auffällige Widerspruch zwischen Verstehen und Wollen, bei Frauen in dieser Lage recht häufig, fiel mir auf. Ich sah zunächst nur, daß die Frau ein kleines, reizloses Geschöpf war. Da gestattete mir der Zufall einen Blick in des Mannes Triebleben: Er sollte zur Musterung gehen; die Begeisterung war nicht groß. Ich begriff und vermutete die gewöhnlichen Gründe, als er zu meiner Überraschung sagte: „Es ist mir so peinlich, mich in meinem Alter auskleiden zu müssen, um begutachtet zu werden wie ein Vieh.“ Als ich einwendete, daß er sich doch, wenn er sich etwa im Interesse seiner Familie versichern lasse, ebenso genau müsse untersuchen lassen, lehnte er entschieden ab: Das habe er nie getan, würde es auch in Zukunft nicht tun, denn auch da wäre es ihm peinlich, sich vor dem Arzte entkleiden zu müssen. Als ich verwundert tat, erklärte er: „Das Peinliche liegt darin, daß der Arzt bei der Untersuchung angekleidet bleibt; wäre auch er nackt, so fiele das Peinliche der Situation weg.“
Diese restlose Aufklärung einer befremdenden Schamhaftigkeit mit der kaum verhüllten homosexuellen Einstellung scheint mir an sich nicht uninteressant. Sie läßt mich aber vermuten, daß auch das Verhalten des Vaters zu seinem Sohne hier s