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Ldst.-Ob.-Arzt jur. et med. Dr. Victor Tausk
Vortrag, gehalten am 3. März 1917 in Belgrad, am IX. feldärztlichen Referierabend.
Meine Herren!
Die Ausführungen meines Themas werden durch den Umstand, daß der Augenblick einer Erörterung militärischer Einrichtungen und politischer Verhältnisse nicht günstig ist, in einigen Richtungen wesentliche Einschränkungen erfahren müssen. Die Armee hat einen anderen Ausgangspunkt für die Beurteilung des Deserteurs als der Psychologe, den es nicht interessieren kann, ob die Konsequenzen, die seine Forschung nach sich ziehen soll, mit den praktischen Forderungen des militärischen Betriebes und der politischen Situation in Übereinstimmung stehen.
Wie ich aus unmittelbaren Erfahrungen weiß, hat der bewaffnete Patriotismus ziemlich freimütig seine Einstellung zum Verbrechen der Desertion mit der Abschreckungstheorie begründet. Aus diesem praktischen Grunde ergibt es sich von selbst, daß für psychologische Erwägungen bei der Judizierung von Deserteuren nur in Ausnahmsfällen Platz ist, nur dann, wenn der Richter von dem Eindruck, daß er einen Geisteskranken vor sich habe, überwältigt wird. Es ist vorauszusehen, in welchem Maße dieser Eindruck von der Beschaffenheit des Richters abhängt, der gewiß nur selten ein psychiatrisch geschulter Mann ist, und in welchem Ausmaße man damit rechnen kann, daß tatsächlich nur wirkliche Geisteskranke oder wirklich alle Geisteskranken dem Psychiater zur Beurteilung ihres Geisteszustandes vorgeführt werden. Ich fand auch manche Bestätigung für meine Vermutung, daß die Fälle, die dem Psychiater nicht vorgeführt werden, aus denselben unsicheren und schwankenden Urteilsgrundlagen für forensisch verantwortlich erklärt und verurteilt wurden, aus denen sie ein anderes Mal als geisteskrank oder einer Geisteskrankheit verdächtig zum Psychiater geschickt wurden. Doch eben dieser, oft vom besten Willen begleiteten Wahllosigkeit, verdanke ich die große Mannigfaltigkeit des Materials, das mir zur Beobachtung überlassen