You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
Ein 22jähriger Student suchte mich mit der Klage auf, viel mit „sadistischen“ (z. T. masochistischen) Phantasien zu tun zu haben. Nebstbei teilte mir der Patient mit, daß ihm vor kurzem ein Hode wegen tuberkulöser Entartung operativ entfernt wurde. Monate später kam er nochmals und fragte mich, ob er, dem Rate eines Chirurgen folgend, auch den zweiten, nun auch erkrankten Hoden entfernen lassen soll. Es fiel mir auf, daß die Stimmung des Patienten nicht, wie zu erwarten war, deprimiert, sondern eingenartig erregt, gleichsam gehoben war. Unpassend zur Tragik der Situation schien mir auch seine Bitte, ihn nach der Operation in psychoanalytische Behandlung zu nehmen, „da ja nach Ausschaltung der organischen Libido die pathologischen Verschiebungen der Psyche leichter, ungestörter rückgängig gemacht werden könnten“. Diese Idee faßte er nach der Lektüre einiger psychoanalytischer Werke. — Die Kompetenz zur Entscheidung über den Eingriff mußte ich dem Chirurgen abtreten; den Nutzen einer Psychotherapie verneinte ich. Die Kastration wurde an einem der nächsten Tage vollzogen.
Nach kurzer Zeit erhalte ich vom Vater des Patienten einen verzweifelten Brief, in dem er von einer so auffälligen Veränderung des Charakters und der Gebarung seines Sohnes berichtet, die in ihm den Verdacht einer geistigen Erkrankung aufsteigen ließ. Er benehme sich sonderbar, vernachlässige seine Studien und auch die Musik, die er bis dahin eifrig pflegte, sei unpünktlich, wolle seine Eltern nicht sehen; zur Erklärung seines Benehmens berufe er sich auf seine Verliebtheit in ein Mädchen, Tochter eines angesehenen Bürgers seiner Stadt.
Zweimal hatte ich Gelegenheit, den jungen Mann nach diesen Vorgängen wiederzusehen. Das erstemal standen bei ihm Züge von Erotomanie und Beziehungswahn im Vordergrund. Jenes Mädchen sei in ihn verliebt (das sieht er aus verschiedenen kleinen Anzeichen). Doch alle Welt schaue auf sein Genitale, manche machen anzügliche Bemerkungen, so daß er einen jungen Mann deswegen zum