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In früheren Diskussionen stellte sich jedesmal eine große Unsicherheit über die Meinungen Jungs heraus, welche die Verständigung darüber erschwerte.
Da erschien vor kurzem ein Werkchen von seiner Hand unter dem Titel: „Zur Psychologie der unbewußten Prozesse“, in welchem er seine Ideen genau beschreibt und besonders seine Meinungsverschiedenheiten mit Freud betont. Jetzt haben wir also mehr Gewißheit bezüglich seiner Meinungen und eine festere Basis für die Diskussion.
Ich werde mit einem gedrängten Überblick des Buches anfangen. Dabei werde ich versuchen, möglichst objektiv die Hauptsachen zu beschreiben. Nachher werde ich dann meine kritischen Bemerkungen folgen lassen. Nach einleitenden Betrachtungen über die Entwicklung der Psychoanalyse teilt Jung mit, daß seine Arbeit der letzten Jahre sich auf die Frage konzentriert hat, in welcher Weise er der psychischen Energie, welche durch die Analyse freigemacht wird, zur nützlichen Anwendung verhelfen könne. Er meint, daß wir diese Energie nicht nutzbar machen können, solange es uns nicht gelingt, „ein Gefalle herzustellen“. (S. 72.)
Auf der Suche nach einem solchen Gefälle hat seine Forschungsarbeit einen langen Weg zurückgelegt, welcher in Etappen eingeteilt wird.
Die erste Etappe dieser Arbeit war die Erkenntnis, daß die Theorien von Freud und von Adler beide nur einen beschränkten Geltungsbereich haben. Die Sexualtheorie ist bis zu einem gewissen Punkt durchaus richtig, aber einseitig. (S. 43.) Denn für Freud handelt es sich im wesentlichen um verdrängte Sexualwünsche, die mit unserer heutigen Sexualmoral kollidieren. (S. 38.) Der unmoralische Mensch, der seiner Triebnatur ungezügelt lebt, müßte demnach gegen die Neurose völlig gefeit sein. Dieser unmoralische Mensch kann aber ebenso gut neurotisch sein; bei ihm ist dann einfach die An-ständigkeit in Verdrängung geraten. (S. 40.)