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In einer Arbeit über Goethes „Wahlverwandtschaften“ („Imago“, I. Jahrg., Heft 5, Dezember ) habe ich mich bemüht, in einem wichtigen Ereignis dieses Romans das symbolische Gewebe einer Rettungsphantasie nachzuweisen und aufzudecken. Die Spuren dieses Motivs in Goethes Schaffen hat dann O. Rank in einem sehr interessanten Artikel über „die ‚Geburtsrettungsphantasie‘ in Traum und Dichtung“1) weiter verfolgt. Nun fand ich in Goethes „Italienischer Reise“ eine reizende Episode, welche zu beweisen scheint, daß die Rettungsphantasie (speziell die Phantasie der Rettung einer Frau aus dem Wasser) auch in einem eigenen Erlebnis des Dichters eine Rolle gespielt hat, die unser Interesse verdient. Denn es wird durch dieselbe die Freud sche Auffassung über den Zusammenhang einer solchen Phantasie mit der erotischen Objektwahl bestätigt und außerdem gehört der Vorfall in seiner scheinbaren „Zufälligkeit“ gewissermaßen zu den Phänomenen der „Psychopathologie des Alltagslebens“.
Im Monate Oktober 1787 machte Goethe in Italien, während eines Landaufenthaltes, die Bekanntschaft eines hübschen, jungen Mädchens, einer Mailänderin, zu der er sehr bald eine Zuneigung gefaßt hatte, besonders, da „in ihren Äußerungen etwas Strebsames zu bemerken war“.2) So beklagte sie sich bei ihm über die mangelhafte Erziehung der Mädchen, besonders, daß man sie in fremden Sprachen, z. B. im Englischen nicht unterrichte. Goethe erbietet sich, ihr einen Begriff vom Englischen beizubringen, und schlägt vor, gleich einen Versuch zu machen, indem er „eins der grenzenlosen englischen Blätter aufhob, die häufig umherlagen“. Dann heißt es weiter:
„Ich blickte schnell hinein und fand einen Artikel, daß ein Frauenzimmer ins Wasser gefallen, glücklich aber gerettet und den Ihrigen wiedergegeben worden. Es fanden sich Umstände bei dem Falle, die ihn verwickelt und interessant machten: es blieb zweifelhaft, ob sie sich ins Wasser gestürzt, um den Tod zu suchen, sowie auch, welcher von ihren Verehrern,