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Ich besuche Frau F., welche mich in die Kinderstube bittet, da sie ihren 51/2jährigen Klaude ins Bettchen bringen will. Der Knabe will sich für keinen Fall von mir auskleiden lassen. „Sei doch vernünftig, Kind,“ sagt Frau F., „Frau S. hat ja selber ein Kind und
weiß, was ein Kind ist.“ — „Nein,“ antwortet der Junge, „Frau S. hat ein Mädchen, und da kann sie nicht wissen, was ein Knabe ist.“
Diese Antwort überraschte mich, da ich vor kurzem die gleichen. Worte von meinem gleichalterigen Renatchen hörte. Ich wollte meine Kleine eine Zeitlang bei Frau F. lassen. Da meinte Renatchen: „Frau F. hat einen Knaben, und da weiß sie doch nicht, was ein Mädchen ist.“ Während der kleine Klaude das richtige Schamgefühl kennt, was auf eine mehr lokalisierte sexuelle Entwicklung hindeutet — kennt Renatchen noch kein Schamgefühl, wohl aber, im Gegensatz zu Klaude „geniert“ sie sich leicht. Sie würde z. B. nicht in einer unbekannten Gesellschaft wagen, was Klaude ohne weiteres tat.
Es ist eine bekannte Tatsache, daß kleine Mädchen sich viel mehr „genieren“ als gleichalterige Knaben. Dies wird wohl daran liegen, daß die weibliche Verdrängung der Sexualität in der Regel diffuser ist: es werden mehr sekundäre, dem Sexualtriebe dienende Tendenzen verdrängt, wie z. B. Eitelkeit1). Die Knaben haben in diesem Alter entweder noch gar kein Schamgefühl oder das Schamgefühl ist bereits richtig lokalisiert; das „Genieren“ ist viel seltener und verrät mädchenhafte Naturen.
Dr. S. Spielrein.