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Ein Arzt schickte mir im April 1919 einen zehneinhalbjährigen Knaben zur Analyse. Das Kind war für sein Alter klein, sehr abgemagert; es litt an mannigfaltigen Zwangszuständen. Er konnte nichts anrühren, so daß die Mutter ihn anziehen und füttern mußte. Wenn jemand, vor allem die Mutter, etwas mit einer Hand anrührte, mußte der betreffende Gegenstand an dieselbe Stelle zurückgelegt werden, dann mußte dieselbe Handlung mit der zweiten, dann mit den beiden Händen ausgeführt werden. Besonders empfindlich war er, wenn man einen Gegenstand neben einen anderen gelegt hatte. Er selbst wollte absolut nichts anrühren; wenn es zufällig geschah, mußte die Mutter das Zeremoniell ausführen. Jede Handlung war demzufolge mit so vielen Zeremonien verbunden, daß sie oft viele Stunden in Anspruch nahm. Die Mutter bat mich, eine Nachmittagsstunde für sie zu reservieren, da, sie bis 12½ Uhr, wie wir es anfangs bestimmt hatten, nicht mit dem Anziehen des Knaben fertig sein konnte. Das Kind hungerte förmlich, weil es beim Essen jeden Bissen einige- oder mehreremal in die Hand der Mutter ausspuckte, da er „nicht richtig“ in den Mund hineingeschoben war. Vor dem Essen mußte er, ebenso wie die Mutter, eine bestimmte Stellung einnehmen; wenn ein Fuß sich etwas nach vorwärts schob, mußte ein Zeremoniell geschehen, bis die beiden vollkommen in einer Linie waren usw. Wenn etwas gegen den Zwang geschah, krümmte er sich förmlich vor Schmerz. Sehr oft wurde er dabei geistesabwesend, geriet dann in Wut, warf sich auf die Mutter, riß ihr die Kleider ab, verdrehte ihr so kräftig wie er nur konnte die Hände, oft biß er sie (als sie zum erstenmal zu mir kam, zeigte sie mir an der Wange eine Narbe nach seinem Bisse); dann bekam er Weinkrämpfe und ließ sich kraftlos in einen Sessel nieder. Auf Grund dieser Geistesabwesenheiten stellte einer der bekanntesten Neurologen in Warschau die Diagnose der Epilepsie. Wenn man ihm später erzählte, was er in diesen Zuständen mit der Mutter trieb, weinte der Kleine u