You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
Der kleine Rudi, 7 Jahre, 6 Monate alt, ist ein gut gewachsener, blasser, etwas zart gebauter Knabe, einziges Kind in einer Arbeiterfamilie. Nach Angaben der Mutter entwickelte er sich gut bis zum Alter von zwei Jahren; im Alter zwischen zwei und vier Jahren hat er Masern, Scharlach und Keuchhusten mit verschiedenen Komplikationen überstanden. Von da ab ist er etwas schwächlich geblieben, so daß er erst mit 7 Jahren, 5 Monaten zum erstenmal in die Schule gehen konnte. Mit dem Eintritt in die Schule sei das Kind sehr nervös geworden, schlafe nicht mehr und schreie in der Nacht.
Die körperliche Untersuchung ergibt außer dem allgemein schwächlichen Habitus und den vergrößerten Rachenmandeln nichts Auffallendes.
Bei der Intelligenzprüfung nach der Binet-Simonschen Methode erweist sich das Kind vier Monate zuiückgeblieben. Der Kleine wird mir von Herrn Professor Claparede zur psychoanalytischen Untersuchung und eventuellen Behandlung übergeben.
Ich frage den Knaben, weshalb er nicht schlafe, worauf er die Antwort gibt, er habe Angst, da er von einem Diebe träume; zuerst dachte er, es sei sein Papa, dann habe er aber gesehen, daß es ein furchtbarer Dieb war, der ihm sein Messer in den Bauch stoßen wollte.
Ich frage nun ausführlich den Rudi, ob er bisweilen mit einem der Eltern schlafe, ob er nie unartig oder ungehorsam war, ob er nie seine Eltern ärgerte, ob er bisweilen von einem der Eltern bestraft wurde. Um den erwarteten Ödipuskomplex nicht zu suggerieren, sondern den Tatbestand objektiv zu prüfen, frage ich stets das Gleiche über Papa und Mama. Dies geschieht halb scherzend in einem Gespräch unter vier Augen. Alle meine Fragen werden kategorisch negativ beantwortet: Rudi schlafe stets in seinem Bettchen, gehe nie zu Papa oder Mama, sei nie unartig, habe eine recht liebe Mama und einen recht lieben Papa, die er nie ärgere, die ihm stets gute Sachen bringen und ihn nie bestrafen.
In einigen Tagen erscheint Rudi wieder zur Sprechstunde und erklärt mir, er habe keine Angst me