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Frankreich feiert in diesem Jahre die hundertste Wiederkehr des Geburtstages dieses großen Nervenarztes, der als einer der Begründer unserer Fachwissenschaft gepriesen zu werden verdient. Es wird gewiß von maßgebender Seite gezeigt werden, welch große Verdienste sich Charcot als Erforscher vieler Gehirn- und Rückenmarkskrankheiten, als hervorragender Arzt, Lehrer und Menschenfreund erwarb. Wir müssen uns darauf beschränken, seine Bedeutung für die Geschichte der Psychoanalyse ins rechte Licht zu rücken, und glauben das Andenken des Meisters am würdigsten zu ehren, wenn wir dabei mit voller Objektivität zu Werke gehen. Der Dank für das, was uns Charcot gegeben hat, wird keinesfalls geringer, wenn wir einiges von dem, was die mythologisierende Tendenz enthusiastischer Verehrer auf seine Anregung zurückführt, in Abzug bringen.
Es ist zweifellos, daß Charcot es war, der die Neurosenlehre überhaupt geschaffen hat, indem er die ersten Versuche machte, aus der höchst diffusen Gruppe der „Névroses“ Krankheitstypen zu isolieren, ja über die Beschreibung der Symptombilder hinaus bereits auch die schwierigen Fragen der Ätiologie anschnitt. Entsprechend seinen pathologisch-anatomischen Anfängen blieb sein Interesse stets an das Organische, Anatomisch-Physiologische gefesselt, für das Psychische hatte er nur wenig übrig. Insofern er seinen Kranken auch psychologisches Verständnis entgegenbrachte, tat er dies als Künstler seines Faches, als intuitiver Menschenkenner, nicht auf Grund psychologischer Forschung. Obwohl er die Neurosen meist auf physikalische Erschütterungen zurückführte und letztere auf Kosten der psychischen Verursachung manchmal übermäßig in den Vordergrund schob, gab er über das Neurosenproblem gelegentlich Äußerungen von sich, die Ewigkeitswert haben, und durch die Psychoanalyse schlagende Bestätigung erfuhren.