You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
(In der Trauerfeier der „Berliner Psychoanalytischen Vereinigung“, am 12. Januar 1926)
Der Versuch, heute in diesem Kreise von der wissenschaftlichen Lebensarbeit Karl Abrahams ein Bild zu geben, kann seiner Aufgabe nur sehr unvollkommen gerecht werden. Es fehlt uns die Distanz, die Kühle des Urteils und die Unparteilichkeit der Einstellung, die zur objektiven Würdigung seiner Leistungen erforderlich wären. Es ist also wohl nur ein Stück unserer Trauerarbeit, wenn wir uns jetzt ins Gedächtnis rufen, was wir und die Psychoanalyse Karl Abraham verdanken, was unser Kreis und unsere Wissenschaft an ihm verloren hat.
Abrahams Liebe zur Forschung, die seine Stellung in der Welt bestimmen sollte, hat früh ihre Erstlingsfrüchte gebracht. Er veröffentlicht schon als Student eine embryologische Untersuchung, die er unter Leitung seines Lehrers Keibel ausgeführt hatte. Ein Jahr später erlangt er mit einer Dissertation aus demselben Gebiet — den „Beiträgen zur Entwicklungsgeschichte des Wellensittichs“ — die medizinische Doktorwürde. Diese Zeit mit ihrer Vertiefung in die Probleme der Morphogenese, mit ihren Arbeiten am Präpariertisch und am Mikroskop, hat im wissenschaftlichen Charakter des jungen Forschers unzerstörbare Spuren hinterlassen. Doch nötigt ihn sein Beruf, nach dem Examen die Laboratoriumstätigkeit aufzugeben. Er tritt in den Spitaldienst ein und arbeitet zunächst drei Jahre unter der Leitung Liepmanns an der Irrenanstalt zu Dalldorf bei Berlin, dann weitere drei Jahre als Assistent Bleulers an der Psychiatrischen Universitätsklinik in Zürich. Während dieser Jahre anstaltsärztlicher Praxis publiziert er eine Anzahl kleinerer und größerer Beiträge zur klinischen Psychiatrie und Neurologie. Aber Burghölzli gab Abraham weit mehr als solide klinische Schulung und ein ansehnliches akademisches Wissen. Bleulers reges Interesse hatte damals — unter der Mitwirkung Jungs — die Züricher Klinik zur Pflegestätte psychoanalytischer Forschung erhoben. So lernt Abraham in Burghöl