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Als im Jahre 1923 Freuds „Das Ich und das Es“ erschien, wirkte es auf die charakterologische Forschung etwa wie ein Fällungsmittel auf eine gesättigte Lösung. Nicht nur verschaffte es einen festen Rahmen für bis dahin ziemlich unzusammenhängende Charakterstudien und regte zu weiteren klinischen Forschungen an, sondern es gab den Bestrebungen, die eine theoretische Grundlage für Charaktervorgänge festzulegen suchten, einen neuen Ansporn. Diese Wirkung hat schon Frucht getragen in Reichs anregendem Werke „Der triebhafte Charakter“1, in dem sich beträchtliche klinische Originalforschung und ein kühner Versuch theoretischer Verbindung vereinigt finden. Andererseits sind durch diese schnelle Kristallisierung mehrere Probleme klinischer sowohl wie theoretischer Natur in deutlicheren Umrissen zutage getreten. Vom klinischen Standpunkt aus betrachtet, hat unsere Kenntnis normaler und anormaler Charaktervorgänge viele offenbare Lücken; auf theoretischem Gebiet hat unser mangelhaftes Verständnis der Ichbildung allerhand Meinungsverschiedenheiten in Bezug auf Diagnose, Prognose und Behandlung zur Folge.
Um ein Beispiel zu nennen: man ist sich im allgemeinen darüber einig, daß es notwendig ist, gewisse pathologische Zustände mit dem Namen „abnormer“ oder „neurotischer“ Charakter zu bezeichnen; in der Frage jedoch, wie ernst solch ein Zustand sein muß, gehen die Meinungen auseinander. Alexander zum Beispiel spricht von einem Übergangsstadium von der Gesundheit zur Neurose; Reich hält ihn für einen ernsteren Zustand als die Neurose und Ferenczi nennt ihn eine von dem Ich