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In der Arbeit „Das ökonomische Problem des Masochismus“ (1) führte Freud aus praktischen Gründen den Begriff des unbewußten Strafbedürfnisses an Stelle des unbewußten Schuldgefühls ein. Wir wollen hier untersuchen, ob nicht diese beiden Gefühle theoretisch zu scheiden sind und genetisch und inhaltlich etwas Verschiedenes darstellen.
Nach der Freud schen Theorie hat die Menschheit das Schuldgefühl und die Moral am Ödipuskomplex erworben (3). In Anlehnung an die Hypothese von Robertson Smith (6) über die Totemmahlzeit nimmt Freud an, daß in der Urhorde die Söhne den Vater ermordeten, zerstückelten und verzehrten. Nach der begangenen Tat bekamen sie Sehnsucht nach dem verlorenen Vater, die sich in soziale Angst verwandelte, als welche das Schuldgefühl ebenfalls bezeichnet werden kann. Vorwiegend aus der im Laufe der Zeiten wiederkehrenden Vatersehnsucht — dem Ausdrucke der unbefriedigten, am Vater haftenden Libido — entstanden die Religionen, in welchen die Macht des Vaters durch Projektion wiederhergestellt wurde. Die Stellung des Vaters wurde erhöht, die des Sohnes erniedrigt und das Urverbrechen rückgängig gemacht. Das Bild des Vaters erstand wieder auf, die passiv-homosexuelle Libido zu ihm hatte in sublimierter Form wieder ihr Ziel.
In der Individualentwicklung genügt schon ein Gedanke oder Impuls, um ähnliche Folgen auszulösen. Der Vater wird ins Ich aufgenommen (introjiziert), aus welchem er sich als Ichideal oder Über-Ich heraushebt. Das Ich verhält sich dann zum Über-Ich analog wie früher der Sohn zum Vater. Das Über-Ich legt dem Ich vorwiegend Hemmungen auf. Die Bildung des Über-Ichs vollzieht sich auf dem Wege der Identifizierung, eines Vorgangs, der sich genetisch aus der oralen Phase der Libidoorganisation entwickelte (2 und 4).