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Die phallische Bedeutung der Zunge ist von Jones eingehend besprochen worden. Besonderes Interesse an der Sprache als an der Funktion der Zunge ist eine Sublimierung sexueller Interessen. Stolz auf den Besitz und Angst vor dem Verlust gelten im Unbewußten der Zunge ebenso wie dem Penis. Zahlreiche Sitten belegen die symbolische Gleichung Sprache=Sexualkraft, Stummheit=Impotenz. Das Ausschneiden der Zunge als Kastrationssymbol findet
sich immer wieder in Sage und Realität (mittelalterliches Strafrecht). Tierzungen kommt magische Wirksamkeit zur Erlangung von Beredsamkeit, Glück, Allwissen zu. Das Zungenausschneiden als Märchenmotiv (“Die zwei Brüder“ bei Grimm) ist in seiner Kastrationsbedeutung besonders deutlich. — Nicht nur das Sprechen, auch das Verstehen von Sprachen hat Potenzbedeutung. Der beste Beleg dafür ist das häufige Motiv des „rettenden Verständnisses der Tiersprachen“, das überall verbreitet ist und für das uns ebenfalls viele Beispiele vorgeführt werden. Dem Kind, das der Sprache noch unkundig ist, sind die sich miteinander verständigenden Eltern allmächtig; daher kann das „Nichtsprechenkönnen“ so gut Ausdruck anderer (sexueller) unausgleichbarer Minderwertigkeiten werden. Entsprechend hat das Stottern im Unbewußten die Bedeutung des Kastriertseins, freiwilliges Schweigen die der Keuschheit. Auch dafür gibt es viele folkloristische Belege, z. B. ist es häufig Verlobten untersagt miteinander zu sprechen; daneben haben Tabus der Sprache auch den Sinn eine Exogamie zu gewährleisten. Am deutlichsten wird die phallische Bedeutung der Sprache in Ovids „Philomela“, wo die Motive „Magie der Sprache“ und „Zerstückelung“ (nach Rank gleich Kastration) enge verbunden sind.
Fenichel (Berlin)