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Simmel kritisiert die Stellungnahme des Leipziger Ärztetages, der die Strafbarkeit der Abtreibung beibehalten wollte. Simmel meint, daß die üblichen Argumente für die Strafbarkeit, die objektiv sehr leicht zu widerlegen sind, nur Vorwände sind, die über die wahren Motive hinwegtäuschen,
die im Interesse des kapitalistischen Staates an der Überproduktion von besitzlosen Massen wurzeln. Die sogenannte „soziale Indikation“ wird durch Zuchthausdrohung nicht aus der Welt geschafft. „Wir erkennen hier in tieferen Zusammenhängen noch den Fluch vervielfacht, den die kapitalistische Gesellschaftsordnung auf den Proletarier legt. Sie gibt ihm geringe Möglichkeit, seinen Überschuß an Sexuallust zu sublimieren, weil sie sein Triebbedürfnis in der Dienst eigener klassenökonomischer Interessen stellen will. Sie ächtet aus demselben Grund überhaupt alle seine Sexuallust als unmoralisch, die nicht der Erzeugung von proletarischen Menschenmassen dient,“ Die Folgen dieser Versagung sind — wie Freud ausgeführt hat — Neurosen, Trunksucht, Dissozialitat. — Simmel ist nicht für Schwangerschaftsunterbrechung, da er als Psychoanalytiker weiß, welche schweren psychischen Folgen von einem Abortus ausgehen können, aber er ist gegen den § 218, für Propaganda des Präventivverkehrs unter dem Proletariat und erhofft letzten Endes Hilfe nur von der Umwandlung der kapitalistischen in die sozialistische Gesellschaft.
Fenichel (Berlin)