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In diesen Briefen nimmt der Autor Stellung gegen die Heuchelei und Verderbtheit der herrschenden Sexualmoral, deren Abhängigkeit von unserer heutigen bürgerlich-kapitalistischen Wirtschaftsordnung er sehr wohl durchschaut. Von allen Seiten wird dieses Geschlechtsleben beleuchtet, das Früchte zeitigt wie etwa die sexualablehnende Haltung des jungen Mädchens, das zwar ihre „Reinheit“ für die Ehe bewahrt, aber unfähig wird für ihre Durchführung, oder die lüstern verurteilende Einstellung zur Prostitution, oder die Geilheit, Blasiertheit und Impotenz des jungen Mannes.
Den Weg zur Befreiung der Geschlechtlichkeit von den ihr jetzt anhaftenden Übeln sieht Falke im freien, zeugungslosen Geschlechtsverkehr der Jugend, der gewissermaßen als Probe der späteren monogamen Ehe vorangehen soll; denn daß diese die höchste, die letzte Form der Beziehungen zwischen Mann und Weib ist, steht für den Autor fest. Eine freie Geschlechtlichkeit, meint der Autor, wäre die Vorbedingung für eine freie, gerade, kameradschaftliche Menschheit, die es nicht mehr nötig hätte, sich etwa in imperialistischen Kriegen auszutoben. Leider übersieht der Autor hier die wirtschaftliche Bedingtheit der Schwierigkeiten und die Tatsache, daß nur eine radikale Änderung der Gesellschaftsordnung die geeignete Grundlage für die Änderung des Geschlechtslebens sein könnte. Das Buch ist getragen von einer tief idealistischen Weltanschaung, die leider in der Geschlechtlichkeit nur einen Weg und keinen Selbstzweck sieht. Wenn wir auch in einigen wichtigen Punkten anderer Ansicht sind als der Autor, muß dieses mutige und aufrichtige Bekenntnis jedenfalls Billigung und Anerkennung finden.
Reich (Wien)