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In den letzten Jahren hat ein rätselhaftes Zustandsbild die Beachtung der Nervenärzte immer mehr auf sich gezogen: die Depersonalisation. Man hat diese Krankheit nicht nur rein und als genuine Form in freilich bloß vereinzelten Fällen, sondern noch viel öfter ähnliche Zustände, in verschiedene Neurosen und ganz besonders in die Schizophrenie eingesprengt, beschrieben. Ich bemerke, daß ich in den folgenden Ausführungen nur von rein ausgebildeten Formen spreche. Denn sobald sich diese mit Neurosen oder Psychosen mengen, wird das Krankheitsbild verwischt und man kann dann nicht mehr mit Bestimmtheit unterscheiden, was der Depersonalisation zukommt oder einer anderen Affektion. Zunächst will ich einen klassischen Fall, den ich psychoanalytisch durchforschen konnte, ausführlich beschreiben.
Vor einigen Jahren suchte mich ein damals neunzehnjähriger Techniker auf und erzählte mir folgende Krankengeschichte. Er habe nicht die Realschule, sondern das Gymnasium absolviert und in den ersten sechs Klassen noch ganz normal gelernt, ja, er sei sogar immer Primus gewesen. Erst als in der siebenten das Gymnasium gesperrt wurde und er privat weiterlernen, dabei aber noch einen Kameraden unterrichten und Klavier spielen mußte, wäre seine Krankheit ausgebrochen. Damals sei er in einer Periode der Lesewut gestanden. Doch merkte er bald, daß er nicht mehr ruhig lesen und lernen könnte, wie früher, sondern beständig durch allerlei Gedanken und eine innere Unruhe gestört würde. „Meine Neurose begann damit, daß ich an der Realität der Welt zu zweifeln anfing, ob das, was mich umgibt, auch wahr sei. Das Ganze kam mir vor wie ein Traum, als sähe ich alles durch einen Schleier. Dann kam mir nach und nach jede Tat als unsinnig vor, als ziel- und zwecklos. Trotz all dieser Schwierigkeiten habe ich, wenn auch mit doppelter Mühe, die siebente