You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
Im engeren Kreise der Wiener Analytiker haben unlängst eingehende Diskussionen über Aussichten und Erfolge der psychoanalytischen Behandlung stattgefunden, wobei auch recht pessimistische Ansichten geäußert worden sind. Es sei mir als ältestem Schüler Prof. Freuds gestattet, auf Grund von mehr als dreißigjähriger Erfahrung meine persönliche Ansicht auszusprechen.
Wenn wir von Heilungsaussichten und Heilungsdauer sprechen, müssen wir uns zunächst darüber einen, was wir unter „Heilung“ einer Neurose verstehen. Man begreift darunter zumeist die Beseitigung all ihrer Symptome, wodurch die sogenannte „Gesundheit“ vor Ausbruch des nervösen Leidens wiederhergestellt wird. Eine solche „Heilung“ kann erfahrungsgemäß unter günstigen Umständen auch spontan geschehen, ohne jedes Eingreifen ärztlicher Kunst, d. h. die Krankheitszeichen schwinden von selbst. Nur hat dieser Erfolg einen fatalen Beigeschmack: man kann mit ziemlicher Sicherheit darauf rechnen, daß sämtliche Symptome früher oder später wiederkehren werden, so daß ihr Verschwinden nicht gleichwertig ist einer wirklichen Heilung. Darum stellten idealere Gemüter die Forderung auf: man habe nicht etwa bloß die Krankheit, sondern den Kranken selber zu heilen, oder was das nämliche, nicht nur die gegenwärtigen neurotischen Symptome zum Schwinden zu bringen, es müsse auch ihre spätere Wiederkehr unmöglich gemacht werden. Der frühere Erfolg sei bestenfalls als „relative“ Heilung zu werten, anzustreben aber sei stets die „absolute“ oder „ideale Heilung“, ohne jede Möglichkeit eines Rückfalls.
Diese zweite Forderung ist keine geringe. Stellt sie uns doch vor die schwere Aufgabe, den Kranken sozusagen übergesund zu machen. Auch