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Die Schwangerschaftsgelüste und -abneigungen haben in der Literatur eine recht widerspruchsvolle Beurteilung erfahren. Naegele schreibt um die Mitte des 19. Jahrhunderts in seinem „Lehrbuch der Geburtshilfe“: „Sehr gewöhnlich und oft in sehr belästigender Weise äußert sich der Einfluß der Schwangerschaft im Verdauungssystem. Zu den häufigsten Erscheinungen bei Beginn der Schwangerschaft gehören z. B. Übelkeiten, Neigung zum Erbrechen,
Widerwille gegen manche Speisen und Getränke, besondere Begierden (Gelüste) nach anderen, oft ungewöhnlichen und zuweilen selbst ekelerregenden Dingen. Anm.: Die angegebenen Veränderungen im Verdauungssystem scheinen durch die veränderte Blutmischung und Innervation bedingt zu werden.“
H. Kogerer in „Generationsvorgänge und Neurosen“ () ist der Ansicht, daß bei den Gelüsten „der Charakter des Zwangsmäßigen nicht mit solcher Deutlichkeit auftrete, daß man daraus auf bestimmte psychische Mechanismen schließen könnte“. Seiner Ansicht nach wäre viel eher anzunehmen, „daß die Gelüste und Ekelgefühle zum Teil wenigstens durch sekretorische Störungen bedingt sind“.
E. Kehrer in „Physiologie der Schwangerschaft“ () betont dagegen bereits, daß die bis zum Ekel gesteigerte Abneigung gegen manche Speisen „vor allem auf Veränderungen in der Psyche, also wohl auf eine Unlust an der eingetretenen Schwangerschaft“ zu beziehen seien (Anorexia nervosa). „Die wiederholt ausgesprochene Annahme, daß diese Aversionen durch die Sekretionsverhältnisse des Magens bedingt sind, ist nicht oder nur zum kleinen Teil berechtigt. Vermutlich ist der umgekehrte Weg anzunehmen, nämlich die Abhängigkeit der Magensekretion von der Psyche (D r e y f u s), wie vor allem aus den nach Pawlow angestellten Scheinfütterungsversuchen am Hund hervorgeht. Das Verlangen nach sauren Speisen läßt sich in wissenschaftlich befriedigender Weise erklären durch die Herabsetzung der freien HCl und der Gesamtazidität des Magensaftes und durch das Bestreben des Körpers, seine Magensekretion