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Freud bezeichnet den Ödipuskomplex als den „Kernkomplex der Neurosen“ und wir dürfen, diese Bezeichnung erweiternd, ihn ruhig den Kernkomplex des menschlichen Unbewußten überhaupt nennen. Von den Fällen schwerster Charakterverbildung abgesehen, die einer lebenslangen Psychose gleichkommen und die nie einen eigentlichen Ödipuskomplex zusammengebracht haben, weil ihre Objektbeziehungen schon vorher gründlich zerstört worden oder gar nicht zustande gekommen sind, beweist jede einzelne Analyse dies aufs neue. Mag man theoretisch auch bereits noch so sehr davon überzeugt sein, immer wieder überrascht doch die Erfahrung, wie es stets eine noch tiefere Erfassung des Ödipuskomplexes ist, die unklare Analysen zu schließlicher Lösung und Heilung bringt.
Freud hält das vierte bis fünfte Lebensjahr für den Höhepunkt des Ödipuskomplexes, meint also, daß dieser mit der phallischen Organisationsstufe der Libido zusammenfällt.1 Wir wissen, daß dementsprechend der Wunsch nach der genitalen Vereinigung mit dem gegengeschlechtlichen Elternteil neben dem Eifersuchtshaß gegen den gleichgeschlechtlichen seinen Inhalt ausmacht. — Melanie Klein2 meint, in Kinderanalysen die Erfahrung gemacht zu haben, daß der volle Ödipuskomplex sich bereits in viel früherer Zeit etabliere. Diese Meinung widerspricht den analytischen Erfahrungen am Erwachsenen. Zwar gibt es zweifellos viel früher Anhänglichkeit an den gegengeschlechtlichen Elternteil und Eifersuchtshaß gegenüber dem gleichgeschlechtlichen, aber solche Vorstufen sind vom Ödipuskomplex zur Zeit seines Höhepunktes in wesentlichen