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Zum erstenmal wird in einem Lehrbuch der inneren Medizin die allgemeine Neurosenlehre behandelt. Die Darstellung von Weizsäcker ist jedoch mehr als eine kurze Einführung in die Probleme der Neurosen, sie spiegelt
jene Umwälzung ärztlichen Denkens, die, von der Psychoanalyse angeregt, in der modernen Medizin immer mehr an Boden gewinnt. Weizsäcker führt darin Freud als Erwecker dieser neuen Gesinnung an und hebt die epochalen Leistungen Freuds deutlich hervor, in erfreulichem Gegensatz zu der heute üblichen Art, Ergebnisse der Psychoanalyse ohne Quellenangabe als eigene Entdeckungen aufzutischen.
Weizsäcker definiert die Neurosen als „… eine eigentümliche Verhaltungsweise oder Lebensform des Menschen, die nicht so sehr durch bestimmte angebbare Symptome als durch eine besondere Art und Weise, wie Symptome gebildet werden, charakterisierbar ist“. Die Diagnose der Neurose muß aus immanenten Funden, durch die Erkenntnis neurotischen Verhaltens gestellt werden. Es wäre falsch, „… aus dem Vorhandensein organischer Veränderungen gegen die Neurose, aus ihrem Fehlen für die Neurose irgendwelche Schlüsse zu ziehen“. Freilich ist dafür eine geschärfte Beobachtung jener Züge, Eigenheiten, Ausdrucksphänomene Voraussetzung, die dem nur somatisch eingestellten Arzt nur zu oft entgehen.
Aus dieser Einstellung folgt die überragende Bedeutung der Krankengeschichte. Einer Krankengeschichte, die aber umfassender sein muß, wie sie bis jetzt meistens aufgefaßt wurde. „Wir sehen, daß überhaupt die Krankengeschichte sich gar nicht nur auf dem Gebiete der anatomischen und physiologischen Tatsachen, sondern auf allen Lebensgebieten abspielt, und daß dies letztere gar nicht ein Merkmal der sogenannten psychischen oder psychogenen, sondern aller Krankheiten ist.“ Und: „Es könnte auch sein, daß die Geschichte einer Liebe oder eines beruflichen Erfolges“ Einfluß „hat auf den Verlauf einer Phtise.“
Die Ergänzung der üblichen Daten der Krankengeschichte mit den eindrucksvollen Begebenheiten aus dem