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„Ödipuskomplex“ nennt Freud das Gemenge von Strebungen, Gefühlen und unbewußten Vorstellungen, die gruppiert sind um die Wünsche nach sexuellem Besitz des gegen- und Beseitigung des gleichgeschlechtlichen Elternteils. Wenn wir vom „vollständigen Ödipuskomplex“ sprechen, so meinen wir, daß neben dieser Haltung auch die entgegengesetzte eine Rolle spielt, also Wünsche nach sexuellem Besitz des gleich- und nach Beseitigung des gegengeschlechtlichen Elternteils. Wer die grundlegende Bedeutung des Ödipuskomplexes anerkennt, sei es, weil er sie an sich selbst oder an anderen entdeckt hat, sei es, weil er sie den Psychoanalytikern glaubt, aber nicht tiefer in der Psychoanalyse bewandert ist, dem drängen sich zwei Probleme, richtiger Scheinprobleme, auf:
Erstens wird er sagen: „Daß dieser Ödipuskomplex der ‚Kernkomplex der Neurose‘ sein soll, habe ich jetzt verstanden. Wer unbewußt nur seine Mutter liebt, sieht in jeder Frau die Mutter und muß deshalb seine Sexualität verdrängen; die aus der Verdrängung wiederkehrende Sexualität ist dann die Neurose. Wer unbewußt seinen Vater töten will, sieht in jeder Tat einen Vatermord und muß deshalb seine Unternehmungslust hemmen; die wiederkehrende Unternehmungslust ist dann die Neurose. Wie soll ich das aber damit in Einklang bringen, daß jetzt der Ödipuskomplex normal sein soll, so selbstverständlich zu jedem Organismus gehörig, wie etwa die Nase?“
Zweitens: „Es war eben die Psychoanalyse, die, im Gegensatz zur schematisierenden Medizin, die Einzigartigkeit und Einmaligkeit jedes persönlichen Schicksals proklamierte, die Ursachen der Neurosen seien vergessene Erlebnisse, Traumen, die dieser eine Mensch eben einmal historisch erlebt habe. Die Aufgabe, diese persönlichen historischen Fakten wiederzufinden,