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„Eine Kritik der bürgerlichen Sexualmoral“ nennt sich Reichs Buch im Untertitel. Diese Kritik wird gründlich besorgt. Alle Reformbestrebungen wurzeln in Notständen, die sich aus Konflikten zwischen Triebverlangen und äußeren, wirtschaftlich bedingten, oder inneren, „moralisch“ bedingten Faktoren ergeben. Aber keine von ihnen geht der Herkunft dieser Wirtschaft und dieser Moral so weit konsequent nach, wie es nötig wäre, um zu verstehen, unter welchen Umständen wirksame Änderungen in sexualibus möglich wären und unter welchen nicht. Es ist das Verdienst des Reichschen Buches, daß es gerade das feststellt.
Für den Psychoanalytiker ist dabei die Bedeutung der gesellschaftlichen (wirtschaftlichen und moralischen) Faktoren für die Ätiologie der Neurosen wichtig. Denn als eigentliche Ursache der pathogenen Verdrängungen kommen ja neben gewissen physiologischen Eigenschaften des menschlichen Kindes und einer vielleicht schon phylogenetisch vorgezeichneten Neigung, Erziehungseinflüsse in sich aufzunehmen, vor allem und am weitaus wichtigsten triebfeindliche Erziehungseinflüsse in Betracht, die im Kind die Auffassung, die Befriedigung sei eine Gefahr, entstehen lassen oder festigen. Reich untersucht nicht viel die akademische Frage, ob nicht eine gewisse Triebeinschränkung für jede Gesellschaft unumgänglich sei, sondern bescheidet sich mit der sehr konkreten Frage nach den realen heutigen Erziehungseinflüssen, ihrer Herkunft, Funktion und