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Während Wissenschaft, ausgehend von klinischer Diagnostik des Körperbaues, von rein psychologischen Einstellungen und von vererbungsbiologischen Gesichtspunkten, erst nach Berücksichtigung möglichst aller erfaßbarer Vergleichsmerkmale den Versuch der Typisierung, d. h. das Entwerfen des typischen Charakterbildes einer Persönlichkeit wagt, begnügen sich manche Neurotiker mit einem einzigen oder mit einigen wenigen und meist sogar belanglosen Aperçus, um darauf aufbauend zu einem für sie unabänderlichen und vollständigen Schema in der Beurteilung menschlicher Charaktere zu gelangen. Freilich auch keine noch so exakte Konstitutions-, Charakter- und Temperamentenlehre entbehrt willkürlicher Zutaten, wo die Resultate der „Meßstange“ oder des psychologischen Experimentes Lücken gelassen haben, und oft ist darum auch die Wissenschaft nicht frei von voreilig und fehlerhaft zu Ende geführten Deduktionen, indem sie, wie z. B. die französische Konstitutionsforschung, auf einem Organsystem oder, wie Jung, auf einer psychischen Verhaltungsweise basierend, ein besonderes Merkmal hypertrophiert und darauf spekulativ ein System konstruiert. Wenn z. B. Kretschmer so weit geht, zu sagen: „Kein Haar auf dem Haupte des zu Untersuchenden und keine Variante seiner Nasenspitze ist uns gleichgültig“, so fügt er dem den Vorbehalt bei, daß die morphologische Einzelheit stets nur wichtig sei im Rahmen großer, typisierter Gesamtbilder des Körperbaues. Diesen Vorbehalt kennt der Neurotiker im allgemeinen nicht oder er ignoriert ihn. Während also deduktive Hypertrophie beim Versuch der Typisierung in der Wissenschaft die Ausnahme ist oder doch sein sollte, bildet sie beim Neurotiker oft die Regel, von der er im allgemeinen bloß dann abzuweichen scheint, wenn er, ins