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Reik hat in seiner Arbeit „Dogma und Zwangsidee“ („Imago“, XIII, , S. 246 bis 382) einen höchst interessanten Beitrag zum Problem des Dogmasgeliefert, in welchem er die Anschauung vertritt, dieses stelle eine Kompromißbildung zwischen verdrängten und verdrängenden Instanzen dar. Wenn das richtig ist, müssen uns auch im täglichen Leben, unabhängig vom religiösen Gebiet, gewisse neurotische Typen begegnen, die dem Prinzip des Dogmasentsprechen. Über einen derartigen Fall eines „individuellen Dogmas“ wollen wir im folgenden berichten.
Es handelt sich um eine 60jährige Frau — nennen wir sie Isabelle —, Mutter mehrerer Kinder, die heute alle schon über dreißig Jahre alt sind. Isabelle ist ihrer Veranlagung nach sehr religiös, gewissenhaft und wahrheitsliebend. Sie widmet den größten Teil des Tages ihrer Hauswirtschaft und hat keinerlei intellektuelle Interessen. Sie ist seit ca. dreizehn Jahren Witwe.
Was uns hier interessiert, ist die Tatsache, daß Isabelle ihre Kinder stets unter der Fiktion erzogen hat, ihre eigene Familie sei etwas Mustergültiges, sämtliche Familienmitglieder hätten einen tadellosen Lebenswandel geführt und seien von einwandfreiem Charakter gewesen. Nun sind in Wirklichkeit die meisten Angehörigen Isabelles Psychopathen. Die einen haben zahllose Jugendtorheiten begangen, manche unter ihnen sind Trinker, andere wieder haben als junge Menschen ihr Vermögen durchgebracht. Außerdem sind in der Familie mehrere Scheidungen und sensationelle Skandalaffairen vorgekommen. Isabelle, die sich und ihren Kindern gegenüber auf moralischem Gebiet sehr streng ist, weiß aber ihre eigenen Angehörigen stets zu verteidigen und jenen als Muster an Heiligkeit hinzustellen.
Nur von zwei Verwandten spricht Isabelle nicht in diesem Sinne, und zwar sind das gerade jene, die kein Blatt vor den Mund nehmen und sich nicht gescheut haben, den bereits herangewachsenen Kindern die Skandalgeschichten aus ihrer Familie zu erzählen. Es ist gewiß sehr bemerkenswert, daß Isabelle — sonst v