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Im ersten Teil seines Buches, der über „Psychopathologie und Wesen der neurotischen Krankheiten“ handelt, bemüht sich Levy-Suhl um eine allgemeine Charakterisierung der Neurose. Er betrachtet dabei die Neurose mehr von dem moralischen als vom biologischen Standpunkt aus. Im Mittelpunkt seiner Ausführungen stehen die Probleme des Schuldgefühls und des Gewissens. Er bekennt sich zu der Auffassung vom metaphysischen Wesen und tieferen Sinn des neurotischen wie des menschlichen Schuldgefühls überhaupt.
Zusammenfassend versucht der Autor die Neurose aus drei Gesichtspunkten zu verstehen. 1) Teleologisch: die Neurose stellt ein Zweckgebilde dar. „Es soll verhindern, daß die inneren Mahnungen des Gewissens, nicht beachtete und nicht erfüllte Forderungen der sittlichen Persönlichkeit dem Menschen bewußt werden; zugleich dient das Leiden und die Betonung des Leidens dazu, Tröstungen durch Umwelt und Ärzte zu gewinnen und das unbewußte Schuldgefühl durch das Schmerzliche der Symptome wie durch eine Selbststrafe zu mildern“. 2) Konstruktiv-psychologisch betrachtet ist die Neurose entstanden aus dem Zulassen von Abwehrmechanismen und Verdrängungen. Peinliche, verpönte Triebregungen werden vom „Ichverband“ ausgeschlossen und wirken im „Formenzustand“ eines Latentpsychischen — des „Unbewußten“ — weiter. 3) Ihrem tiefsten psychischen und metaphysischen Wesen nach ist die Neurose Ausdruck eines Gewissenskampfes. „Sie stellt sozusagen dramatisch Selbstanklage und Selbstverteidigung“ „vor dem inneren Gerichtshof“ (Kant) dar, „hervorgegangen aus der Selbstverantwortlichkeit der sittlichen Autonomie des Menschen…“ (S. 110).
Die Abweichung der Neurosenauffassung Levy-Suhls von der psychoanalytischen besteht also darin, daß er die ichpsychologischen Gesichtspunkte über die libidotheoretischen und triebpsychologischen einseitig heraushebt und überbetont. Außerdem können wir ihm nicht folgen, wenn er Schuldgefühl und Gewissen als letzte, nicht weiter ableitbare moralische Kategorien hinstell