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Meist fehlt uns das Bedürfnis, die gewöhnlichsten Erscheinungen des alltäglichen Seelenlebens zu beobachten und zu erklären, bis uns eine Erfahrung daran mahnt, daß ein in die Tiefe gehendes Verständnis gerade solcher alltäglichen Erscheinungen uns den Schlüssel zum Verständnisse besonderer uns stets rätselhaft gewesener Vorgänge gibt. Zu diesen alltäglichen seelischen Erscheinungen gehören sicher der Körper- und der Seelenschmerz.
Was den Körperschmerz anlangt, könnte man vielleicht glauben, daß es sich nicht um ein psychologisches Problem handle, lehrt uns doch die Anatomie und Physiologie des Nervensystems, daß die Schmerzempfindung eine spezifische Sinnesempfindung ist, welche an eigene Endapparate, an eigene nervöse Leitungsbahnen, an eigene Hirnzentren gebunden ist, so wie die Gesichts-, Gehörs-, Geschmacks-, Tastempfindung usw. Anderseits zeigt uns jedoch die Pharmakologie des Nervensystems, daß beispielsweise die Opiate nicht nur Körperschmerzen, sondern auch Seelenschmerzen und Unlustgefühle überhaupt lähmen. Wir können uns hier nicht in die Berücksichtigung so mancher äußerst interessanter Erfahrungen einlassen, so z. B. daß die Opiumdosis, die zur Linderung einer Körperschmerzgröße notwendig ist, mit dieser in zahlenmäßiger Proportion steht; ferner daß die seelenberuhigende, euphorische Wirkung meistens bei Leuten fehlt, die, ohne süchtig zu sein, das Opium wegen nicht neurotischer Körperschmerzen nehmen, bei Leuten, die sich vom Opium sofort wieder enthalten können. Zur Bekämpfung nur des nicht neurotisch bedingten Körperschmerzes braucht man in den allermeisten Fällen nicht oder nur langsam mit der Opiumdosis zu steigen. Die Fälle hingegen, wo man mit der Opiumdosis rasch steigen muß, erinnern uns an die Schutzmaßnahmen der Phobiker und Zwangsneurotiker, die ständig von ihnen vermehrt werden müssen und so ihre persönliche Freiheit immer mehr