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Die klinische Psychiatrie faßt die als Alkoholismus, Morphinismus, Kokainismus usw. bezeichneten Erkrankungen — wir wollen sie zusammenfassend vorläufig Rauschgiftsüchte nennen — als Vergiftungen auf und ordnet sie demgemäß klassifikatorisch unter die „exogenen Geistesstörungen“ ein. So betrachtet erscheint der seelische Zersetzungsprozeß, den uns die Krankheitsbilder der Süchte vorführen, als der psychische Ausdruck des Vergiftungsschadens, den die Rauschgifte im Gehirn anrichten. Diese Auffassung stellt der Suchtforschung zunächst die Aufgabe, den Vergiftungserfolg am Gehirn im einzelnen zu bestimmen; ihre schließliche Leistung wäre dann, den Ablauf der psychischen Betriebsstörung eindeutig dem zerebralen Vergiftungsgeschehen zuzuordnen. Eine verwirrende Komplikation, namentlich für die experimentelle Verfolgung dieses Ziels, brachte die Einsicht, daß die Rauschgifte nicht allein das Gehirn, sondern den ganzen Organismus angreifen; schädigende Wirkungen können sich von jedem Organ her — durch Beeinträchtigung des Gesamtstoffwechsels — auf das Gehirn übertragen. Außer dem unmittelbaren muß also auch der mittelbare Gifteinfluß auf das Gehirn studiert werden. Kein Wunder, wenn die Idee, das Suchtproblem sei ein Vergiftungsproblem, bisher so wenig Früchte trug.
Wie kam es nur, daß sich die Psychiatrie auf diese Idee festlegte? Sie hat sie offenbar in Anlehnung an das Vorbild der Infektionskrankheiten entwickelt. Dabei war freilich nicht zu übersehen, daß beispielsweise der Alkohol den Alkoholismus nicht in demselben Sinne „verursacht“ wie etwa die Spirochäte die luetischen Affektionen. Die pathogenen Mikroorganismen überfallen den Menschen unbekümmert um seine Wünsche und Absichten. Die Rauschgifte greifen ihn nur an, wenn er selbst sie absichtlich seinem Körper zuführt; es stünde ja in seinem Belieben, es nicht zu tun. Dieser Unterschied hat jedoch auf die Forscher keinen besonderen Eindruck gemacht. Sie griffen zur Auskunft, eine Sorte „haltloser“, „willensschwacher“