You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
Wir alle kennen Menschen, die man als Optimisten bezeichnet. Es handelt sieh um Leute, die fast ständig gut gelaunt, heiter und sicher erscheinen, mit der Gegenwart offenbar zufrieden sind und von der Zukunft nur Gutes erwarten. Es hat beinahe den Anschein, als ob solchen Menschen auf geheimnisvolle und wunderbare Weise Mißgeschicke des Lebens nichts anhaben können. Manchmal ist es nur bei flüchtiger Betrachtung so und es stellt sich bei näherer Bekanntschaft bald heraus, daß solche Menschen keineswegs im Gleichgewicht sind, sondern vielfach vcm schweren Neurosen geplagt werden. Man ist daher geneigt anzunehmen, daß Fälle von wirklich echtem Optimismus nur vereinzelt sind. Ich möchte Ihnen hier drei Beispiele kurz schildern. Wirklich echte Optimisten pflegen selten in Analyse zu kommen. So bezieht sich auch mein Material vorwiegend auf die Formen des scheinbaren Optimismus, vielleicht wird es uns aber gelingen, von der Pathologie her etwas zum Wesen des wirklichen Optimismus zu erfahren.
Der erste Fall von dem ich Ihnen berichten will, zeichnete sich durch eine merkwürdige Art des Optimismus aus, den wir in der Analyse als eine Art von Wunderglauben auffassen lernten. So hegte die Patientin die mysteriöse Erwartung, daß etwas geschehen würde und sie gesund machen werde, ohne daß von ihrer Seite eine Anstrengung nötig wäre. Dieses Verhalten erwies sich in der Behandlung als ein schwer zu bekämpfender Widerstand, dessen Auflösung uns zum Verständnis ihres angeblichen Optimismus führte. Genau so wie in der Analyse benahm sie sich auch im Leben. Kam ihr z. B. zum Bewußtsein, ihre Ehe sei nicht das Richtige, war sie sofort überzeugt, das könne noch gut werden, das werde sich schon ändern. Oder sie pflegte sich nackt in den Spiegel zu schauen, sie gefiel sich dabei nicht, fand sich zu dick, doch ging ihr dieser Eindruck nicht zu nahe, da sie dabei die sonderbare Vorstellung hatte, das könne sich alles noch ändern, sie könne noch schlank werden, ohne daß es nötig wäre, irge