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Erster Fall: Zwangsneurose mit Mutterschafts-Illusionen
Vor etwa zehn Jahren behandelte ich in Wien ein dreißigjähriges Mädchen: Sari. Sie war vorher bei anderen Analytikern gewesen, lief aber immer nach wenigen Tagen aus der Behandlung, mit Ausnahme von einem Male, worauf ich später zurückkommen werde. Bevor sie zu mir kam, besuchte sie fast ein Jahr lang meine Vorlesung. Sie brauchte so viel Zeit, um sich zu überzeugen, ob sie auf mich in der ihr genehmen Art übertragen können werde.
Sie war die Tochter des protestantischen Bürgermeisters einer größeren Stadt in Ungarn. Als sie zum erstenmal zu mir kam, war sie so gehemmt, daß sie nicht einmal sagen konnte, warum sie kam. Hernach berichtete sie von Hemmungen, Zwangshandlungen und Zwangsgedanken, die ihren Tag zum Bersten ausfüllten. Abends konnte sie sich nicht ausziehen und schlief in ihren Kleidern. Sie konnte sich auch nicht regelmäßig waschen und die Wäsche wechseln. Sie war nicht imstande, ihre Rechnungen zu bezahlen und lebte daher in steter und nicht unbegründeter Angst vor drängenden Gläubigern. Überall hatte sie Schulden. Sie sah auf ihr Leben als auf eine ununterbrochene Kette von Mißerfolgen zurück; noch Schlimmeres stand ihr bevor und sie zitterte vor einer unbekannten, drohenden Zukunft. In dramatischer Art schrie sie immer wieder: Nein, nein! Eine bestimmte Ursache für diese abwehrenden Worte war nicht erkennbar; sie war voll Zweifel und Negativismus. Während der äußerst schwierigen Behandlung schaute sie manchmal zu mir auf, als ob ich Gott Vater wäre, und erklärte geradezu, sie könne einen Heiligenschein um mein Haupt erblicken. Zu anderen Zeiten beantwortete sie alle meine Bemerkungen mit ironischen und impertinenten Worten.
Immer wieder sprach sie von ihren Kindern, so daß ich anfangs glaubte, sie hätte uneheliche Kinder; denn verheiratet war sie nie gewesen. Später sah ich, daß sie, wenn sie von ihren Kindern sprach, ihren Bruder und ihre Schwester meinte. Sie war die Älteste. Die Mutter starb, al