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gehalten in der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung am 9. Mai 1934
In dieser Rubrik erscheinen die Beiträge in der Reihenfolge ihres Einlaufes bei der Redaktion
Heuchelei ist ein Vorgang am Ich und stellt einen Spezialfall des Haderns des Ichs mit dem eigenen Über-Ich dar, wobei dieser Kampf auf fremdem Boden, am zufälligen Objekt ausgetragen wird. Die Heuchelei des Erwachsenen hat mit dem Objekt der Heuchelei vorerst nichts zu tun, sie ist Ausdruck des Bürgerkrieges innerhalb der einzelnen „Provinzen“ der Persönlichkeit des Heuchlers. Der Kampf geht um das Ausmaß der Aggression des Ichs, gegen die das Über-Ich protestiert. Endlich gelingt es dem Ich, in ein ironisches Reverenzverhältnis zu seinem eigenen Über-Ich zu kommen. Der Endausgang des Kampfes, der durch die Aggression und den Narzißmus des Ich immer neue Nahrung erhält, ist der, daß eine Unterwerfung unter die Gebote des Über-Ichs scheinbar gelingt, das Ich sich duckt, die Aggression teils auf das Objekt verschoben, teils in einen geheimen narzißtischen Lustgewinn verwandelt wird, der im Überlisten des Über-Ichs besteht. Das Über-Ich wird also mittels des spezifischen „Mechanismus der Heuchelei“ im eigenen Hause verhöhnt. Der Lustgewinn des Heuchlers ist ein vielfacher: ein doppelter von seiten der Aggression des Es, ein doppelter von Seiten des Narzißmus des Ichs. Und zwar: Aggression dem Objekt gegenüber (kann bewußt oder unbewußt sein) und vor allem dem Über-Ich gegenüber (immer unbewußt). Von seiten des Narzißmus: Überlistung des Objekts (kann bewußt oder unbewußt sein) und vor allem des Über-Ichs (immer unbewußt). Der zentrale Vorgang bei der Heuchelei — Aggression und Überlistung des Über-Ichs — ist demnach stets unbewußt.
Die Aggressionsneigungen sind geschickt maskiert, die Verschiebung auf das Objekt gestattet das Festhalten der Fiktion, daß nicht das eigene Über-Ich bekriegt wird. Bei der Heuchelei ereignet sich demnach der Ausnahmefall, daß das Ich das Über-Ich tatsächlich übertölpelt, und zwar un