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Ich hatte vor einigen Jahren Gelegenheit, vier Wochen lang eine 58jährige Dame zu beobachten, die an einer allerschwersten, seit einem halben Jahrhundert bestehenden Zwangsneurose litt. Die Patientin war infolge ihrer Dauerzwänge sozial völlig unangepaßt, mußte wie ein kleines Kind an- und ausgekleidet werden, konnte ohne ständige Begleiterin nicht auskommen und war bereits wiederholt in Sanatorien und Anstalten interniert gewesen.
Der Zwangsgedanke der Patientin lautete: Sie durfte an eine bestimmte Person — es war ein alter Mann, ein Diener in einer Kaserne —, die sie im Alter von sechs oder sieben Jahren einige Male gesehen hatte, ohne mit ihr zu sprechen, eine Person, die sie damals als völlig indifferent empfunden hatte, nicht denken. „Leider“ — dies die Worte der Patientin — „fiel er mir immer ein.“ Der Gedanke an den Mann war Tabu, sie hatte ein großartiges System von Vermeidungen aufgestellt, um nur ja nicht in Kontakt mit ihm zu kommen. Schon als Kind litt sie an einem quälenden Waschzwang, der sich um die Pubertät verschlimmerte; in ihrer mißglückten Ehe lebte sie nur mehr ihren Zwängen, die sich im Verlauf der letzten 15 Jahre zu der zu beschreibenden Höhe steigerten und stabilisierten.
Patientin vermied es vorerst, in die betreffende Straße, in der sie den Mann zuerst gesehen hatte, zu gehen, dann mied sie — in typischer Ausbreitung des Radius der Zwangsneurose — alle nahen Lokale, die der Mann besuchen könnte, dann den Stadtteil, die Stadt, die Provinz, endlich das ganze Land. Patientin lebte seit Jahren im Ausland. In diesem Entschluß, ihre Heimat zu verlassen, wurde sie durch den ablehnenden Bescheid des Magistrats ihrer Heimatstadt wesentlich bestärkt, in welchem der Patientin ihre Bitte, die Fäkalien ihres Hauses nicht in den Fluß, an dem die Stadt lag, zu leiten, abgeschlagen wurde. Sie fürchtete, auf dem Umweg über die Fische, die von den Fäzes essen könnten, mit „jenem Mann“ (der Name wurde von der Patientin nie ausgesprochen) in Verbindung zu komm