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Wenn wir an dem altbewährten und grundlegenden psychoanalytischen Prinzip festhalten, daß die Sexualität (und deren Struktur) der Neurose (auch der Psychopathie) ihre Form aufzwingt: Wo finden wir das sexuelle Urbild des Psychopathen? Der klassische Don Juan soll uns Aufklärung bringen. Die „Don Juan-Gestalt“ wurde psychoanalytisch erklärt, als ob sie ohne Ende ihre Mutter suchte, eine Art „Ewiger Jude“ des Ödipuskomplexes, der immer wieder die Mutter erobern und den Vater töten müsse; so besonders in einer Arbeit von Otto Rank,2 die auf Bemerkungen Freuds zurückgeht. Stekel3 hat als erster gezeigt, daß der Don Juan homosexuelle Tendenzen abwehren muß, die ihn unbewußt bedrängen. Auch diese Entdeckung geht auf Freuds Auffassung der Erotomanie4 zurück. Diese Erklärungen ruhen beide auf klinischer Beobachtung, gelten jedoch nur für den neurotischen, den mittelalterlich-christlichen Don Juan. Der klassische Don Juan der Renaissance, wie er uns in Mozarts Oper entgegentritt, kennt keine Furcht und keine Abwehr innerer Gefahren. (Ranks Abhandlung steht in diesem Punkte zu den Tatsachen im Wider-spruch.) Er tötet den Gouverneur nicht aus Ödipusmotiven, sondern so wie er jeden töten würde, der ihm mit der Waffe in der Hand entgegentritt. Das ist ja gerade das Schreckliche an ihm, daß er einen Vater nicht kennt; er ist präödipal. Den steinernen Gast lädt er ohne jede Reue und Furcht zum Gaste mahl ein und fährt schließlich zur Hölle unter großartiger Ablehnung jedes Schuldgefühles und jeder Buße. Er kennt auch keine Mutter, hält Elvira, die ihm mütterlich entgegenkommt, auf die grausamste Weise zum besten — grausam ohne Bosheit, wie ein Tier oder ein kleines Kind. Er ist offenbar potent wie der Teufel, genießt das Leben auch sonst in vollen Zügen — Weiber sowohl wie Essen und Trinken, Musik und Tanz.
Mozarts Don Juan singt Baß und spielt den animalischen Mann nicht nur: er ist es. Ich weiß nicht, warum Rank behauptet, daß Mozarts Don Juan von seinen Frauen nicht geliebt wird