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Wiederholt hat sich Freud zu der Ansicht bekannt, daß das weibliche Über-Ich — im Durchschnitt —, an dem des Mannes gemessen, unselbständig, unstabil, also ziemlich schwach organisiert sei.1 Auch in der letzten Arbeit „Über die weibliche Sexualität“ äußert sich Freud in diesem Sinne; einleuchtend motiviert er die unvollkommene Ausbildung der weiblichen Gewissensinstanzen mit dem andersartigen Verlaufe des weiblichen „Kastrationskonfliktes“. Da das kleine Mädchen der eigentlichen „Kastrationsangst“, also des stärksten Antriebsmomentes zur Überwindung des Ödipuskonfliktes und zur Errichtung eines Über-Ichs, entbehrte, der Liebesverlustangst nicht dieselbe dramatische Bedeutung zukomme wie der Kastrationsangst des Jungen, vollziehe sich der Abbau der weiblichen Ödipuswünsche nur langsam und unvollständig und hinterlasse kein stabiles Über-Ich als Erben des Komplexes.2
Das Studium des weiblichen Charakters wie Erfahrungen der psychotherapeutischen Klinik scheinen diese Auffassung zu bestätigen. Bekannt ist z. B. das viel häufigere Vorkommen der Zwangsneurose beim Mann und der Hysterie bei der Frau. Nur wird man sich fragen müssen, wie es möglich sei, daß die Krankheit, die von der unerbittlichen Strenge des Über-Ichs beherrscht ist, die Melancholie, überwiegend das weibliche Geschlecht befällt.
Vollends stutzig wird man, wenn man bei der Behandlung von Frauen, deren Über-Ich schwach und anlehnungsbedürftig, deren Maßstäbe der Umwelt entlehnt und schwankend erscheinen, plötzlich Durchbrüche eigener grausamer Über-Ich-Forderungen erlebt, die bisher abgewehrt waren. Solche Fälle zwingen zur Vermutung, daß die Wege der weiblichen Über-Ich-Bildung komplizierter sein mögen, als wir gemeinhin annehmen.
Ähnlich wie in den Neurosebildern im allgemeinen zeigt sich im Laufe der letzten Jahrzehnte auch ein gründlicher Wandel der seelischen Struktur der Frauen aller Schichten, der sowohl in ihrem Liebesleben als auch in ihrer Ich- und Über-Ich-Organisation zum Ausdruck kommt.
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