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Unter dem Einfluß der modernen Psychiatrie gibt sich die Kriminologie mit dem Grundsatz der „verminderten Zurechnungsfähigkeit“, wie er aus dem Fall Mc Naughton (1) entwickelt wurde, nicht mehr zufrieden. Sie hat durch die Psychoanalyse Kenntnis vom Unbewußten als dem fundamentalen ursächlichen Faktor in allem menschlichen Verhalten bekommen und dadurch wurde das Ziel ihrer Vorkämpfer verändert, die eine einzige Erklärung für das außerordentlich komplizierte Problem des Verbrechers gesucht hatten. Sie hat auf die Praxis des Gerichtsverfahrens, in dem Lombrosos (2) Theorie vom Verbrecher als einer anthropologischen Rückschlagsbildung vorherrschend war, Einfluß genommen und in Tardes (3) Lehre, daß die Kriminalität vornehmlich dem Nachahmungstrieb zu verdanken sei, den ersten Ansatz zu einer psychologischen Formulierung gesehen. Aber erst als Freud (4) aufzeigte, daß alle Handlungen, die man früher dem Zufall zugeschrieben hatte, ganz im Gegenteil streng determiniert sind, und mit seiner „Psychopathologie des Alltagslebens“ das Bereich des „freien Willens“ begrenzt hatte, verband die Kriminologie ihre Interessen mit denen der medizinischen Psychologie; sie scheint aus dieser Verbindung Gewinn zu ziehen.2
Man kann nicht behaupten, daß der Psychoanalyse ein großer Zuwachs an Erkenntnis aus ihrer Anwendung auf das Gebiet der Kriminologie erwuchs. Tatsache ist, daß dem Psychoanalytiker wenig Gelegenheit geboten ist, sich mit Verbrechern zu befassen. Seinen engsten Kontakt mit asozialem oder antisozialem Material bilden die Phantasien von Menschen, die in ihrem äußeren Verhalten auffallend gehemmt sind. Selbst die Phantasien sind bei Zwangsneurosen zu Phobien, Versuchungen und Zweifeln in belanglosen Fragen entstellt und Hemmungen werden in der Form von Zwangszeremoniellen als Abwehrdämme gegen antisoziale Handlungen errichtet.
Die Anregung, daß die verbrecherische Handlung ein Symptom sei, kam interessanter Weise aus der Soziologie, als Garofalo (7), Ferri (8) und Bonger (9