You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
Eine gebildete, feinfühlige Ärztin gibt „als Wegweiser für Nervöse“ eine Darstellung der allgemeinen Nervosität und der Neurosen sowie ihrer organischen Grundlagen. In der Erklärung seelischer Zusammenhänge bleibt sie überall an der Oberfläche und begnügt sich, wissenschaftliche Lehren in wenigen Seiten einzufangen, was besonders bei der Darstellung der Psychoanalyse mißlingen mußte. Die Therapie der Autorin ist geduldiges, ethisch gefärbtes Zureden, oft nach individualpsychologischen Gedankengängen. Auch verteilte sie an die die Anstalt verlassenden Patienten kurze, öfters auch holprig gereimte Traktätchen, „die als Erinnerungsstütze für die während der Behandlung empfangenen Lehren gedacht“ waren. Dies alles ist von süßlich-kleinbürgerlichen Zügen nicht frei; der seinerzeit von einem beliebten Anstaltsleiter als suggestive Panazee verordnete Kamillentee ist zwar hier nicht erwähnt, aber etwas von seinem Duft durchzieht das Büchlein, das elegisch der „Biedermeierzeit“ gedenkt, wo noch Ruhe, Beschaulichkeit, Genügsamkeit und Zufriedenheit die Menschen erfüllte, während jetzt „ein großer Teil der Menschen durch Unruhe, Hast, Begierde, Genußsucht erkranke“. Im Schutze einer solchen generellen Ätiologie-Theorie fällt es allerdings leichter, auf die Erkenntnis der infantilen oder aktuellen unbewußten Konflikte zu verzichten. Was nicht hindert, daß die Autorin von einem der ersten Wiener Neurologen, der sich — so erfolgreich — immer mehr um das Gehirn bemüht hat als um die Seele, in einem Geleitwort des Buches heilig gesprochen wird.
E. Hitschmann (Wien)