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Wir bezeichnen unsere Lebensgewohnheiten, Sitten und Gebräuche, moralische Anforderungen usw. als Zivilisation. (Die Geschichte und Gegensätze der Begriffe Zivilisation und Kultur finden in dem Buch selbst eine eingehende Würdigung, worauf aber hier nicht eingegangen werden kann.) Was als „zivilisiertes” Verhalten betrachtet wird, unterliegt indessen einer fortwährenden Entwicklung. Dessen Standard ist keineswegs ein absoluter, sondern wechselt von Land zu Land, und von einer Periode der Geschichte zur andern. Die jeweils herrschende Klasse einer Gesellschaft gibt immer den Ton an, wobei die Entwicklung in den westeuropäischen Ländern einen im Ganzen ähnlichen Verlauf zeigt. In manchen Epochen ist die Wandlung eine brüskere als in anderen, und dementsprechend ruft sie einen deutlicheren Widerhall im Bewußtsein der Zeitgenossen hervor. Es ist ein Prozeß, dessen Natur, Ursachen, Richtung und wirkende Kräfte wir gerade eben zu verstehen beginnen.
Hier liegt ein Werk vor, das sich diesem Gegenstand nicht mit Hilfe von mehr oder weniger vagen und spekulativen Verallgemeinerungen nähert, sondern ihn durch konkrete und nüchterne Tatsachen zu erhellen sucht. Der Autor, der die anscheinend allgemeinste Richtung dieses Prozesses aufgespürt hat, läßt Dokumente, die ihre jeweilige Epoche gut repräsentieren, vor uns aufmarschieren und sie für sich selber sprechen. Er stellt uns Beispiele des tatsächlichen Verhaltens in solchen Situationen vor Augen, die bisher nicht gewöhnlicherweise zum Gegenstand historischer Forschung gemacht worden sind. Wir sehen, wie sich in den verschiedenen Ländern wohlerzogene Leute bei Tische benehmen, wie sie sprechen, was für eine Rolle ihr Liebes- und Sexualleben einnimmt, was für ein Benehmen sie beim Defaecieren, Urinieren, Spucken, Naseschneuzen und dergleichen für angezeigt halten. Die Wandlungen von Jahrhunderten werden an Hand dieser natürlichen Funktionen dargestellt, und während sie wie unter einem Zeitraffer an uns vorüberziehen, springt die