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Das Wesen des Gewissens ist aus der „Bauplantheorie” heraus zu verstehen. Was allerdings damit gemeint ist, wird auch bei sorgfältiger Lektüre nicht ganz klar. Jedenfalls scheint der „Bauplan” von „innerkeimlichen” Faktoren abhängig zu sein, während sein Gegenspieler, das „empirische Ich” von außerkeimlichen Faktoren abhängt. Bauplan ist also ähnlich, wenn nicht dasselbe, wie Erbanlage in ihrer Gesamtheit. Nur die dem Bauplan adäquaten Ernstaufgaben dürfen als echt hezeichnet werden, alles andere ist unecht. Das echte Gewissen sorgt dafür, daß die sich aus dem Bauplan ergebenden echten Lebensaufgaben erfüllt werden. Das Gewissen ist der Ruf, echt zu sein und es zu werden, soweit es das empirische Ich noch nicht ist. Das antreibende, das gute und das schlechte Gewissen sind die Grundformen, denen die Nebenformen des warnenden, zweifelnden und bereuenden Gewissens an die Seite gestellt werden. Die Psychoanalyse kann nur das „unechte” Gewissen erfassen, weil sie das „geistige Erbgut” der Persönlichkeit vernachlässigt.
Was den gewissenhaften Leser bedrückt, ist die Ungewißheit, an wen sich das Buch eigentlich wendet: Ärzte, Psychologen, Seelsorger, Psychotherapeuten, Erzieher, Philosophen oder gar gewissensgeängstigte Neurotiker. Dem Analytiker geben die Diskussionen über die zugegebenermassen wesentliche Frage des Echten und Unechten nichts Neues.
M. Grotjahn (Chicago)