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Eine Patientin, die sich für telepathisch begabt hielt, litt unter ihren vermeintlichen telepathischen Erlebnissen und suchte den Analytiker auf, damit dieser ihr dagegen helfe.
Der frühe Tod der Mutter hatte dem Charakter der Patientin eine oralfordernde Note gegeben; besonders hatte sie eine oral-ambivalente Fixierung an den Vater entwickelt. Von ihm zurückgewiesen, entwickelte sie eine allgemeine Feindseligkeit gegen Männer. Ihre bevorzugten Abwehr-Mechanismen waren Projektion und Identifizierung. Dabei pflegte sie aber nicht „ins Blaue hinein” zu projizieren, sondern sie entwickelte vielmehr eine besondere Hyper-Sensitivität, mit der sie bei anderen Menschen das herausfühlen konnte, was sie an sich selbst nicht sehen wollte. Diese Überernpfindlichkeit störte schließlich alle ihre sozialen Beziehungen. Während die Patientin die Resultate solcher projektiven „Einfühlung” für „telepathisch” hielt, meint Verf. mit Recht, daß die psychische Situation der Patientin nur ihre Sinneswahmehmungen in einer besonderen Hinsicht verschärft hatte, daß aber keinerlei Grund vorliegt, eine Wahrnehmung ohne Vermittlung der Sinnesorgane anzunehmen. Die angeblich „telepathischen” Erlebnisse sahen ungefähr so aus: Die Patientin lernte in einer Gesellschaft einen jungen Mann kennen und wußte sofort, daß er hinter seiner äußeren Heiterkeit eine Depression wegen einer großen Liebesenttäuschung verbarg; dies war richtig; das ganze spielte zu einer Zeit, wo die Patientin sich selbst nicht eingestehen wollte, welch tiefen Eindruck ihr eine Liebesenttäuschung, die sie selbst kurz zuvor hatte erleben müssen, gemacht hatte. — Oder die Patientin träumte, daß Bekannte in einer Weise sich benahmen, wie sie selbst sich unbewußt benehmen wollte, und interpretierte dies als telepathische Wahrnehmung des Willens der betreffenden Personen.
O. Fenichel (Los Angeles)